Title:

Die Familie Schroffenstein

Description:  Tragedy by Heinrich von Kleist
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
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Die Familie Schroffenstein

(Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen)



Personen:

Rupert, Graf von Schroffenstein, aus dem Hause Rossitz

Eustache, seine Gemahlin

Ottokar, ihr Sohn

Johann, Ruperts natürlicher Sohn

Sylvius, Graf von Schroffenstein, aus dem Hause Warwand

Sylvester, sein Sohn, regierender Graf

Gertrude, Sylvesters Gemahlin, Stiefschwester der Eustache

Agnes, ihre Tochter

Jeronimus von Schroffenstein, aus dem Hause Wyk

Aldöbern, Santing und Fintenring, Vasallen Ruperts

Theistiner, Vasall Sylvesters

Ursula, eine Totengräberswitwe

Barnabe, ihre Tochter

Eine Kammerjungfer der Eustache

Ein Kirchenvogt

Ein Gärtner

Zwei Wanderer

Ritter, Geistliche, Hofgesinde

(Das Stück spielt in Schwaben)

Erster Aufzug

Erste Szene

Rossitz. Das Innere einer Kapelle. Es steht ein Sarg in der Mitte; um ihn herum Rupert, Eustache, Ottokar, Jeronimus, Ritter, Geistliche, das Hofgesinde und ein Chor von Jünglingen und Mädchen. Die Messe ist soeben beendigt.

Chor der Mädchen (mit Musik).
Niedersteigen,
Glanzumstrahlet,
    Himmelshöhen zur Erd herab,
Sah ein Frühling
Einen Engel.
    Nieder trat ihn ein frecher Fuß.

Chor der Jünglinge.
Dessen Thron die weiten Räume decken,
Dessen Reich die Sterne Grenzen stecken,
Dessen Willen wollen wir vollstrecken,
Rache! Rache! Rache! schwören wir.

Chor der Mädchen.
Aus dem Staube
Aufwärts blickt' er
    Milde zürnend den Frechen an;
Bat, ein Kindlein,
Bat um Liebe.
    Mörders Stahl gab die Antwort ihm.

Chor der Jünglinge (wie oben).

Chor der Mädchen.
Nun im Sarge,
Ausgelitten,
    Faltet blutige Händlein er,
Gnade betend
Seinem Feinde.
    Trotzig stehet der Feind und schweigt.

Chor der Jünglinge (wie oben).

(Während die Musik zu Ende geht, nähert sich die Familie und ihr Gefolge dem Altar.)

Rupert.
Ich schwöre Rache! Rache! auf die Hostie,
Dem Haus Sylvesters, Grafen Schroffenstein.
(Er empfängt das Abendmahl.)
Die Reihe ist an dir, mein Sohn.

Ottokar.                                             Mein Herz
Trägt wie mit Schwingen deinen Fluch zu Gott.
Ich schwöre Rache, so wie du.

Rupert.                                             Den Namen,
Mein Sohn, den Namen nenne.

Ottokar.                                         Rache schwör ich,
Sylvestern Schroffenstein!

Rupert.                                     Nein irre nicht.
Ein Fluch, wie unsrer, kömmt vor Gottes Ohr
Und jedes Wort bewaffnet er mit Blitzen.
Drum wäge sie gewissenhaft. - Sprich nicht
Sylvester, sprich sein ganzes Haus, so hast
Dus sichrer.

Ottokar.             Rache! schwör ich, Rache!
Dem Mörderhaus Sylvesters.
(Er empfängt das Abendmahl.)

Rupert.                                           Eustache,
Die Reihe ist an dir.

Eustache.                         Verschone mich,
Ich bin ein Weib –

Rupert.                           Und Mutter auch des Toten.

Eustache.
O Gott! Wie soll ein Weib sich rächen?

Rupert.                                                           In
Gedanken. Würge
Sie betend. (Sie empfängt das Abendmahl.)

(Rupert führt Eustache in den Vordergrund. Alle folgen.)

Rupert.
Ich weiß, Eustache, Männer sind die Rächer –
Ihr seid die Klageweiber der Natur.
Doch nichts mehr von Natur.
Ein hold ergötzend Märchen ists der Kindheit,
Der Menschheit von den Dichtern, ihren Ammen,
Erzählt. Vertrauen, Unschuld, Treue, Liebe,
Religion, der Götter Furcht sind wie
Die Tiere, welche reden. – Selbst das Band,
Das heilige, der Blutsverwandtschaft riß,
Und Vettern, Kinder eines Vaters, zielen,
Mit Dolchen zielen sie auf ihre Brüste.
Ja sieh, die letzte Menschenregung für
Das Wesen in der Wiege ist erloschen.
Man spricht von Wölfen, welche Kinder säugten,
Von Löwen, die das Einzige der Mutter
Verschonten. – Ich erwarte, daß ein Bär
An Oheims Stelle tritt für Ottokar.
Und weil doch alles sich gewandelt, Menschen
Mit Tieren die Natur gewechselt, wechsle
Denn auch das Weib die ihrige – verdränge
Das Kleinod Liebe, das nicht üblich ist,
Aus ihrem Herzen, um die Folie,
Den Haß, hineinzusetzen.
                                        Wir
Indessen tuns in unsrer Art. Ich biete
Euch, meine Lehensmänner, auf, mir schnell
Von Mann und Weib und Kind, und was nur irgend
Sein Leben lieb hat, eine Schar zu bilden.
Denn nicht ein ehrlich offner Krieg, ich denke,
Nur eine Jagd wirds werden, wie nach Schlangen.
Wir wollen bloß das Felsenloch verkeilen,
Mit Dampfe sie in ihrem Nest ersticken,
– Die Leichen liegen lassen, daß von fernher
Gestank die Gattung schreckt, und keine wieder
In einem Erdenalter dort ein Ei legt.

Eustache.
O Rupert, mäßge dich! Es hat der frech
Beleidigte den Nachteil, daß die Tat
Ihm die Besinnung selbst der Rache raubt,
Und daß in seiner eignen Brust ein Freund
Des Feindes aufsteht wider ihn, die Wut –
Wenn dir ein Garn Sylvester stellt, du läufst
In deiner Wunde blindem Schmerzgefühl
Hinein. – Könntst du nicht prüfen mindestens
Vorher, aufschieben noch die Fehde. – Ich
Will nicht den Arm der Rache binden, leiten
Nur will ich ihn, daß er so sichrer treffe.

Rupert.
So, meinst du, soll ich warten, Peters Tod
Nicht rächen, bis ich Ottokars, bis ich
Auch deinen noch zu rächen hab – Aldöbern!
Geh hin nach Warwand, kündge ihm den Frieden auf.
– Doch sags ihm nicht so sanft, wie ich, hörst du?
Nicht mit so dürren Worten – Sag daß ich
Gesonnen sei, an seines Schlosses Stelle
Ein Hochgericht zu bauen. – Nein, ich bitte,
Du mußt so matt nicht reden – Sag ich dürste
Nach sein und seines Kindes Blute, hörst du?
Und seines Kindes Blute.

(Er bedeckt sich das Gesicht; ab, mit Gefolge, außer Ottokar und Jeronimus.)

Jeronimus.
Ein Wort, Graf Ottokar.

Ottokar.                                 Bist dus, Jerome?
Willkommen! Wie du siehst, sind wir geschäftig,
Und kaum wird mir die Zeit noch bleiben, mir
Die Rüstung anzupassen. – Nun, was gibts?

Jeronimus.
Ich komm aus Warwand.

Ottokar.                                 So? Aus Warwand? Nun?

Jeronimus.
Bei meinem Eid, ich nehme ihre Sache.

Ottokar.
Sylvesters? Du?

Jeronimus.                 Denn nie ward eine Fehde
So tollkühn rasch, so frevelhaft leichtsinnig
Beschlossen, als die eur'.

Ottokar.                                   Erkläre dich.

Jeronimus.
Ich denke, das Erklären ist an dir.
Ich habe hier in diesen Bänken wie
Ein Narr gestanden,
Dem ein Schwarzkünstler Faxen vormacht.

Ottokar.                                                             Wie?
Du wüßtest nichts?

Jeronimus.                       Du hörst, ich sage dir,
Ich komm aus Warwand, wo Sylvester, den
Ihr einen Kindermörder scheltet,
Die Mücken klatscht, die um sein Mädchen summen.

Ottokar.
Ja so, das war es. – Allerdings, man weiß,
Du giltst dem Hause viel, sie haben dich
Stets ihren Freund genannt, so solltest du
Wohl unterrichtet sein von ihren Wegen.
Man spricht, du freitest um die Tochter – Nun,
Ich sah sie nie, doch des Gerüchtes Stimme
Rühmt ihre Schönheit! Wohl. So ist der Preis
Es wert. –

Jeronimus.         Wie meinst du das?

Ottokar.                                           Ich meine, weil –

Jeronimus.
Laß gut sein, kann es selbst mir übersetzen.
Du meinest, weil ein seltner Fisch sich zeigt
Der doch zum Unglück bloß vom Aas sich nährt,
So schlüg ich meine Ritterehre tot,
Und hing' die Leich an meiner Lüste Angel
Als Köder auf –

Ottokar.                     Ja, grad heraus, Jerome!
Es gab uns Gott das seltne Glück, daß wir
Der Feinde Schar leichtfaßlich, unzweideutig,
Wie eine runde Zahl erkennen. Warwand,
In diesem Worte liegts, wie Gift in einer Büchse;
Und weils jetzt drängt, und eben nicht die Zeit,
Zu mäkeln, ein zweideutig Körnchen Saft
Mit Müh herauszuklauben, nun so machen
Wirs kurz, und sagen: du gehörst zu Warwand.

Jeronimus.
Bei meinem Eid, da habt ihr recht. Niemals
War eine Wahl mir zwischen euch und ihnen;
Doch muß ich mich entscheiden, auf der Stelle
Tu ichs, wenn so die Sachen stehn. Ja sieh,
Ich spreng auf alle Schlösser im Gebirg,
Empöre jedes Herz, bewaffne, wo
Ichs finde, das Gefühl des Rechts, den frech
Verleumdeten zu rächen.

Ottokar.                                 Das Gefühl
Des Rechts! O du Falschmünzer der Gefühle!
Nicht einen wird ihr blanker Schein betrügen;
Am Klange werden sie es hören, an
Die Tür zur Warnung deine Worte nageln. –
Das Rechtgefühl! – Als obs ein andres noch
In einer andern Brust, als dieses, gäbe!
Denkst du, daß ich, wenn ich ihn schuldlos glaubte,
Nicht selbst dem eignen Vater gegenüber
Auf seine Seite treten würde? Nun,
Du Tor, wie könnt ich denn dies Schwert, dies gestern
Empfangne, dies der Rache auf sein Haupt
Geweihte, so mit Wollust tragen? – Doch
Nichts mehr davon, das kannst du nicht verstehn.
Zum Schlusse – wir, wir hätten, denk ich, nun
Einander wohl nichts mehr zu sagen?

Jeronimus.                                                 – Nein.

Ottokar.
Leb wohl!

Jeronimus.       Ottokar!
Was meinst du? Sieh, du schlägst mir ins Gesicht,
Und ich, ich bitte dich mit mir zu reden –
Was meinst du, bin ich nicht ein Schurke?

Ottokar.                                                             Willst
Dus wissen, stell dich nur an diesen Sarg.

(Ottokar ab. Jeronimus kämpft mit sich, will ihm nach, erblickt dann den Kirchenvogt.)

Jeronimus.
He, Alter!

Kirchenvogt.     Herr!

Jeronimus.                 Du kennst mich?

Kirchenvogt.                                       Warst du schon
In dieser Kirche?

Jeronimus.                   Nein.

Kirchenvogt.                         Ei, Herr, wie kann
Ein Kirchenvogt die Namen aller kennen,
Die außerhalb der Kirche?

Jeronimus.                                 Du hast recht.
Ich bin auf Reisen, hab hier angesprochen,
Und finde alles voller Leid und Trauer.
Unglaublich dünkts mich, was die Leute reden,
Es hab der Oheim dieses Kind erschlagen.
Du bist ein Mann doch, den man zu dem Pöbel
Nicht zählt, und der wohl hie und da ein Wort
Von höhrer Hand erhorchen mag. Nun, wenns
Beliebt, so teil mir, was du wissen magst,
Fein ordentlich und nach der Reihe mit.

Kirchenvogt.
Seht, Herr, das tu ich gern. Seit alten Zeiten
Gibts zwischen unsern beiden Grafenhäusern,
Von Rossitz und von Warwand einen Erbvertrag,
Kraft dessen nach dem gänzlichen Aussterben
Des einen Stamms, der gänzliche Besitztum
Desselben an den andern fallen sollte.

Jeronimus.
Zur Sache, Alter! das gehört zur Sache nicht.

Kirchenvogt.
Ei, Herr, der Erbvertrag gehört zur Sache.
Denn das ist just als sagtest du, der Apfel
Gehöre nicht zum Sündenfall.

Jeronimus.                                       Nun denn,
So sprich.

Kirchenvogt.     Ich sprech! Als unser jetzger Herr
An die Regierung treten sollte, ward
Er plötzlich krank. Er lag zwei Tage lang
In Ohnmacht; alles hielt ihn schon für tot,
Und Graf Sylvester griff als Erbe schon
Zur Hinterlassenschaft, als wiederum
Der gute Herr lebendig ward. Nun hätt
Der Tod in Warwand keine größre Trauer
Erwecken können, als die böse Nachricht.

Jeronimus.
Wer hat dir das gesagt?

Kirchenvogt.                           Herr, zwanzig Jahre sinds,
Kanns nicht beschwören mehr.

Jeronimus.                                       Sprich weiter.

Kirchenvogt.                                                           Herr,
Ich spreche weiter. Seit der Zeit hat der
Sylvester stets nach unsrer Grafschaft her
Geschielt, wie eine Katze nach dem Knochen,
An dem der Hund nagt.

Jeronimus.                           Tat er das!

Kirchenvogt.                                           Sooft
Ein Junker unserm Herrn geboren ward,
Soll er, spricht man, erblaßt sein.

Jeronimus.                                             Wirklich?

Kirchenvogt.                                                           Nun,
Weil alles Warten und Gedulden doch
Vergebens war, und die zwei Knaben wie
Die Pappeln blühten, nahm er kurz die Axt,
Und fällte vorderhand den einen hier,
Den jüngsten, von neun Jahren, der im Sarg.

Jeronimus.
Nun das erzähl, wie ist das zugegangen?

Kirchenvogt.
Herr, ich erzähls dir ja. Denk dir, du seist
Graf Rupert, unser Herr, und gingst an einem Abend
Spazieren, weit von Rossitz, ins Gebirg;
Nun denke dir, du fändest plötzlich dort
Dein Kind, erschlagen, neben ihm zwei Männer
Mit blutgen Messern, Männer, sag ich dir
Aus Warwand. Wütend zögst du drauf das Schwert
Und machtst sie beide nieder.

Jeronimus.                                     Tat Rupert das?

Kirchenvogt.
Der eine, Herr, blieb noch am Leben, und
Der hats gestanden.

Jeronimus.                     Gestanden?

Kirchenvogt.
Ja, Herr, er hats rein h'raus gestanden.

Jeronimus.                                                   Was
Hat er gestanden?

Kirchenvogt.                 Daß sein Herr Sylvester
Zum Morde ihn gedungen und bezahlt.

Jeronimus.
Hast dus gehört? Aus seinem Munde?

Kirchenvogt.                                             Herr,
Ich habs gehört aus seinem Munde, und die ganze
Gemeinde.

Jeronimus.       Höllisch ists! – Erzähls genau.
Sprich, wie gestand ers?

Kirchenvogt.                         Auf der Folter.

Jeronimus.                                                   Auf
Der Folter? Sag mir seine Worte.

Kirchenvogt.                                         Herr,
Die hab ich nicht genau gehöret, außer eins.
Denn ein Getümmel war auf unserm Markte,
Wo er gefoltert ward, daß man sein Brüllen
Kaum hören konnte.

Jeronimus.                       Außer eins, sprachst du;
Nenn mir das eine Wort, das du gehört.

Kirchenvogt.
Das eine Wort, Herr, war: Sylvester.

Jeronimus.
Sylvester! – – Nun, und was wars weiter?

Kirchenvogt.
Herr, weiter war es nichts. Denn bald darauf
Als ers gestanden hatt, verblich er.

Jeronimus.                                             So?
Und weiter weißt du nichts?

Kirchenvogt.                                 Herr, nichts.

(Jeronimus bleibt in Gedanken stehn.)

Ein Diener (tritt auf).                                         War nicht
Graf Rupert hier?

Jeronimus.                   Suchst du ihn? Ich geh mit dir.

(Alle ab. Ottokar und Johann treten von der andern Seite auf)

Ottokar.
Wie kamst du denn zu diesem Schleier? Er
Ists, ists wahrhaftig – Sprich – Und so in Tränen?
Warum denn so in Tränen? So erhitzt?
Hat dich die Mutter Gottes so begeistert,
Vor der du knietest?

Johann.                             Gnädger Herr – als ich
Vorbeiging an dem Bilde, riß es mich
Gewaltsam zu sich nieder. –

Ottokar.                                         Und der Schleier?
Wie kamst du denn zu diesem Schleier, sprich?

Johann.
Ich sag dir ja, ich fand ihn.

Ottokar.                                     Wo?

Johann.                                               Im Tale
Zum heilgen Kreuz.

Ottokar.                         Und kennst nicht die Person,
Die ihn verloren?

Johann.                         – Nein.

Ottokar.                                   Gut. Es tut nichts;
Ist einerlei. – Und weil er dir nichts nützet,
Nimm diesen Ring, und laß den Schleier mir.

Johann.
Den Schleier –? Gnädger Herr, was denkst du? Soll
Ich das Gefundene an dich verhandeln?

Ottokar.
Nun, wie du willst. Ich war dir immer gut,
Und wills dir schon so lohnen, wie dus wünschest.
(Er küßt ihn, und will gehen.)

Johann.
Mein bester Herr – O nicht – o nimm mir alles,
Mein Leben, wenn du willst. –

Ottokar.                                             Du bist ja seltsam.

Johann.
Du nähmst das Leben mir mit diesem Schleier.
Denn einer heiligen Reliquie gleich
Bewahrt er mir das Angedenken an
Den Augenblick, wo segensreich, heilbringend,
Ein Gott ins Leben mich, ins ewge führte.

Ottokar.
Wahrhaftig? – Also fandst du ihn wohl nicht?
Er ward dir wohl geschenkt? Ward er? Nun sprich.

Johann.
Fünf Wochen sinds – nein, morgen sinds fünf Wochen,
Als sein gesamt berittnes Jagdgefolge
Dein Vater in die Forsten führte. Gleich
Vom Platz, wie ein gekrümmtes Fischbein, flog
Das ganze Roßgewimmel ab ins Feld.
Mein Pferd, ein ungebändigt tückisches,
Von Hörnerklang, und Peitschenschall, und Hund-
Geklaff verwildert, eilt ein eilendes
Vorüber nach dem andern, streckt das Haupt
Vor deines Vaters Roß schon an der Spitze –
Gewaltig drück ich in die Zügel; doch,
Als hätts ein Sporn getroffen, nun erst greift
Es aus, und aus dem Zuge, wie der Pfeil
Aus seinem Bogen, fliegts dahin – Rechts um
In einer Wildbahn reiß ich es, bergan;
Und weil ich meinen Blicken auf dem Fuß
Muß folgen, eh ich, was ich sehe, wahr
Kann nehmen, stürz ich, Roß und Reiter, schon
Hinab in einen Strom. –

Ottokar.                                 Nun, Gott sei Dank,
Daß ich auf trocknem Land dich vor mir sehe.
Wer rettete dich denn?

Johann.                                 Wer, fragst du? Ach,
Daß ich mit einem Wort es nennen soll!
– Ich kanns dir nicht so sagen, wie ichs meine,
Es war ein nackend Mädchen.

Ottokar.
Wie? Nackend?

Johann.                     Strahlenrein, wie eine Göttin
Hervorgeht aus dem Bade. Zwar ich sah
Sie fliehend nur in ihrer Schöne – Denn
Als mir das Licht der Augen wiederkehrte,
Verhüllte sie sich. –

Ottokar.                           Nun?

Johann.                                     Ach, doch ein Engel
Schien sie, als sie verhüllt nun zu mir trat;
Denn das Geschäft der Engel tat sie, hob
Zuerst mich Hingesunknen – löste dann
Von Haupt und Nacken schnell den Schleier, mir
Das Blut, das strömende, zu stillen.

Ottokar.                                                     O
Du Glücklicher!

Johann.                     Still saß ich, rührte nicht ein Glied,
Wie eine Taub in Kindeshand.

Ottokar.                                           Und sprach sie nicht?

Johann.
Mit Tönen wie aus Glocken – fragte, stets
Geschäftig, wer ich sei? woher ich komme?
– Erschrak dann lebhaft, als sie hört', ich sei
Aus Rossitz.

Ottokar.               Wie? Warum denn das?

Johann.                                                       Gott weiß.
Doch hastig fördernd das Geschäft, ließ sie
Den Schleier mir, und schwand.

Ottokar.                                             Und sagte sie
Dir ihren Namen nicht?

Johann.                                 Dazu war sie
Durch Bitten nicht, nicht durch Beschwören zu
Bewegen.

Ottokar.           Nein, das tut sie nicht.

Johann.                                                 Wie? kennst
Du sie?

Ottokar.       Ob ich sie kenne? Glaubst du Tor,
Die Sonne scheine dir allein?

Johann.                                           Wie meinst
Du das? – Und kennst auch ihren Namen?

Ottokar.                                                           Nein,
Beruhge dich. Den sagt sie mir so wenig
Wie dir, und droht mit ihrem Zorne, wenn
Wir unbescheiden ihn erforschen sollten.
Drum laß uns tun, wie sie es will. Es sollen
Geheimnisse der Engel Menschen nicht
Ergründen. Laß – ja laß uns lieber, wie
Wir es mit Engeln tun, sie taufen. Möge
Die Ähnliche der Mutter Gottes auch
Maria heißen – uns nur, du verstehst;
Und nennst du im Gespräch mir diesen Namen,
So weiß ich wen du meinst. Ich habe lange
Mir einen solchen Freund gewünscht. Es sind
So wenig Seelen in dem Hause, die
Wie deine, zartbesaitet,
Vom Atem tönen.
Und weil uns nun der Schwur der Rache fort
Ins wilde Kriegsgetümmel treibt, so laß
Uns brüderlich zusammenhalten; kämpfe
Du stets an meiner Seite.

Johann.                                   – Gegen wen?

Ottokar.
Das fragst du hier an dieser Leiche? Gegen
Sylvesters frevelhaftes Haus.

Johann.                                           O Gott,
Laß ihn die Engellästrung nicht entgelten!

Ottokar.
Was? Bist du rasend?

Johann.                               Ottokar – Ich muß
Ein schreckliches Bekenntnis dir vollenden –
Es muß heraus aus dieser Brust – denn gleich
Den Geistern ohne Rast und Ruhe, die
Kein Sarg, kein Riegel, kein Gewölbe bändigt,
So mein Geheimnis. –

Ottokar.                             Du erschreckst mich, rede!

Johann.
Nur dir, nur dir darf ichs vertraun – Denn hier
Auf dieser Burg – mir kommt es vor, ich sei
In einem Götzentempel, sei, ein Christ,
Umringt von Wilden, die mit gräßlichen
Gebärden mich, den Haaresträubenden,
Zu ihrem blutgen Fratzenbilde reißen –
– Du hast ein menschliches Gesicht, zu dir,
Wie zu dem Weißen unter Mohren, wende
Ich mich – Denn niemand, bei Gefahr des Lebens,
Darf außer dir des Gottes Namen wissen,
Der mich entzückt. –

Ottokar.                           O Gott! – Doch meine Ahndung?

Johann.
Sie ist es.

Ottokar (erschrocken). Wer?

Johann.                                   Du hasts geahndet.

Ottokar.                                                               Was
Hab ich geahndet? Sagt ich denn ein Wort?
Kann ein Vermuten denn nicht trügen? Mienen
Sind schlechte Rätsel, die auf vieles passen,
Und übereilt hast du die Auflösung.
Nicht wahr, das Mädchen, dessen Schleier hier,
Ist Agnes nicht, nicht Agnes Schroffenstein?

Johann.
Ich sag dir ja, sie ist es.

Ottokar.                               O mein Gott!

Johann.
Als sie auf den Bericht, ich sei aus Rossitz,
Schnell fortging, folgt ich ihr von weitem
Bis Warwand fast, wo mirs ein Mann nicht einmal,
Nein zehenmal bekräftigte.

Ottokar.                                     O laß
An deiner Brust mich ruhn, mein lieber Freund.

(Er lehnt sich auf Johanns Schulter. Jeronimus tritt auf)

Jeronimus.                                                                 Ich soll
Mich sinngeändert vor dir zeigen, soll
Die schlechte Meinung dir benehmen, dir,
Wenns möglich, eine beßre abgewinnen,
– Gott weiß das ist ein peinliches Geschäft.
Laß gut sein, Ottokar. Du kannst mirs glauben,
Ich wußte nichts von allem, was geschehn.
(Pause; da Ottokar nicht aufsieht.)
Wenn dus nicht glaubst, ei nun, so laß es bleiben.
Ich hab nicht Lust mich vor dir weiß zu brennen.
Kannst dus verschmerzen, so mich zu verkennen,
Bei Gott so kann ich das verschmerzen.

Ottokar (zerstreut).
Was sagst du, Jeronimus?

Jeronimus.
Ich weiß, was dich so zäh macht in dem Argwohn.
's ist wahr, und niemals werd ichs leugnen, ja,
Ich hatt das Mädel mir zum Weib erkoren.
Doch eh ich je mit Mördern mich verschwägre,
Zerbreche mir die Henkershand das Wappen.

Ottokar (fällt Jeronimus plötzlich um den Hals).

Jeronimus.
Was ist dir, Ottokar? Was hat so plötzlich
Dich und so tief bewegt?

Ottokar.                                   Gib deine Hand,
Verziehn sei alles.

Jeronimus.                     – Tränen? Warum Tränen?

Ottokar.
Laß mich, ich muß hinaus ins Freie.

(Ottokar schnell ab; die andern folgen.)

Zweite Szene

Warwand. Ein Zimmer im Schlosse.
Agnes führt Sylvius in einen Sessel.

Sylvius.
Agnes, wo ist Philipp?

Agnes.
Du lieber Gott, ich sags dir alle Tage,
Und schriebs dir auf ein Blatt, wärst du nicht blind.
Komm her, ich schreibs dir in die Hand.

Sylvius.                                                             Hilft das?

Agnes.
Es hilft, glaub mirs.

Sylvius.                           Ach, es hilft nicht.

Agnes.                                                         Ich meine,
Vor dem Vergessen.

Sylvius.                             Ich, vor dem Erinnern.

Agnes.
Guter Vater.

Sylvius.
Liebe Agnes.

Agnes.
Fühl mir einmal die Wange an.

Sylvius.                                             Du weinst?

Agnes.
Ich weiß es wohl, daß mich der Pater schilt,
Doch glaub ich, er versteht es nicht. Denn sieh,
Wie ich muß lachen, eh ich will, wenn einer
Sich lächerlich bezeigt, so muß ich weinen,
Wenn einer stirbt.

Sylvius.                         Warum denn, meint der Pater,
Sollst du nicht weinen?

Agnes.                                   Ihm sei wohl, sagt er.

Sylvius. Glaubst dus?

Agnes.                       Der Pater freilich solls verstehn,
Doch glaub ich fast, er sagts nicht, wie ers denkt.
Denn hier war Philipp gern, wie sollt er nicht?
Wir liebten ihn, es war bei uns ihm wohl;
Nun haben sie ihn in das Grab gelegt –
Ach, es ist gräßlich. – Zwar der Pater sagt,
Er sei nicht in dem Grabe. – Nein, daß ichs
Recht sag, er sei zwar in dem Grabe – Ach,
Ich kanns dir nicht so wiederbeichten. Kurz,
Ich seh es, wo er ist, am Hügel. Denn
Woher, der Hügel?

Sylvius.                           Wahr! Sehr wahr!
– Agnes, der Pater hat doch recht. Ich glaubs
Mit Zuversicht.

Agnes.                       Mit Zuversicht? Das ist
Doch seltsam. Ja, da möcht es freilich doch
Wohl anders sein, wohl anders. Denn woher
Die Zuversicht?

Sylvius.                     Wie willst dus halten, Agnes?

Agnes.
Wie meinst du das?

Sylvius.                           Ich meine, wie dus gläubest?

Agnes.
Ich wills erst lernen, Vater.

Sylvius.                                       Wie? du bist
Nicht eingesegnet? Sprich, wie alt denn bist du?

Agnes.
Bald funfzehn.

Sylvius.                   Sieh, da könnte ja ein Ritter
Bereits dich vor den Altar führen.

Agnes.                                                   Meinst du?

Sylvius.
Das möchtest du doch wohl?

Agnes.                                           Das sag ich nicht.

Sylvius.
Kannst auch die Antwort sparen. Sags der Mutter,
Sie soll den Beichtger zu dir schicken.

Agnes.                                                           Horch!
Da kommt die Mutter.

Sylvius.                               Sags ihr gleich.

Agnes                                                           Nein, lieber
Sag du es ihr, sie möchte ungleich von
Mir denken.

Sylvius.                 Agnes, führe meine Hand
Zu deiner Wange.

Agnes (ausweichend). Was soll das?

(Gertrude tritt auf)

Sylvius.
Gertrude, hier das Mädel klagt dich an,
Es rechne ihr das Herz das Alter vor,
Ihr blühend Leben sei der Reife nah
Und knüpft' ihn einer nur, so würde, meint sie,
Ihr üppig Haupthaar einen Brautkranz fesseln –
Du aber hättst ihr noch die Einsegnung,
Den Ritterschlag der Weiber, vorenthalten.

Gertrude.
Hat dir Jerome das gelehrt?

Sylvius.                                         Gertrude,
Sprich, ist sie rot?

Gertrude.                       Ei nun, ich wills dem Vater sagen.
Gedulde dich bis morgen, willst du das?
(Agnes küßt die Hand ihrer Mutter.)
Hier, Agnes, ist die Schachtel mit dem Spielzeug.
Was wolltest du damit?

Agnes.                                   Den Gärtnerkindern,
Den hinterlaßnen Freunden Philipps schenk
Ich sie.

Sylvius.       Die Reuter Philipps? Gib sie her.
(Er macht die Schachtel auf)
Sieh, wenn ich diese Puppen halt, ist mirs,
Als säße Philipp an dem Tisch. Denn hier
Stellt' er sie auf, und führte Krieg, und sagte
Mir an, wies abgelaufen.

Agnes.                                     Diese Reuter,
Sprach er, sind wir, und dieses Fußvolk ist
Aus Rossitz.

Sylvius.                 Nein, du sagst nicht recht. Das Fußvolk
War nicht aus Rossitz, sondern war der Feind.

Agnes.
Ganz recht, so mein ich es, der Feind aus Rossitz.

Sylvius.
Ei nicht doch, Agnes, nicht doch. Denn wer sagt dir,
Daß die aus Rossitz unsre Feinde sind?

Agnes.
Was weiß ich. Alle sagens.

Sylvius.                                         Sags nicht nach.
Sie sind uns ja die nahverwandten Freunde.

Agnes.
Wie du nur sprichst! Sie haben dir den Enkel,
Den Bruder mir vergiftet, und das sollen
Nicht Feinde sein!

Sylvius.                         Vergiftet! Unsern Philipp!

Gertrude.
Ei Agnes, immer trägt die Jugend das Geheimnis
Im Herzen, wie den Vogel in der Hand.

Agnes.
Geheimnis! Allen Kindern in dem Schlosse
Ist es bekannt! Hast du, du selber es
Nicht öffentlich gesagt?

Gertrude.                               Gesagt? Und öffentlich?
Was hätt ich öffentlich gesagt? Dir hab
Ich heimlich anvertraut, es könnte sein,
Wär möglich, hab den Anschein fast –

Sylvius.                                                         Gertrude,
Du tust nicht gut daran, daß du das sagst.

Gertrude.
Du hörst ja, ich behaupte nichts, will keinen
Der Tat beschuldgen, will von allem schweigen.

Sylvius.
Der Möglichkeit doch schuldigst du sie an.

Gertrude.
Nun, das soll keiner mir bestreiten. – Denn
So schnell dahin zu sterben, heute noch
In Lebensfülle, in dem Sarge morgen.
– Warum denn hätten sie vor sieben Jahren,
Als mir die Tochter starb, sich nicht erkundigt?
War das ein Eifer nicht! Die Nachricht bloß
Der Krankheit konnte kaum in Rossitz sein,
Da flog ein Bote schon herüber, fragte
Mit wildverstörter Hast im Hause, ob
Der Junker krank sei? – Freilich wohl, man weiß,
Was so besorgt sie macht', der Erbvertrag,
Den wir schon immer, sie nie lösen wollten.
Und nun die bösen Flecken noch am Leibe,
Der schnelle Übergang in Fäulnis – Still!
Doch still! der Vater kommt. Er hat mirs streng
Verboten, von dem Gegenstand zu reden.

(Sylvester und der Gärtner treten auf)

Sylvester.
Kann dir nicht helfen, Meister Hans. Geb zu,
Daß deine Rüben süß wie Zucker sind. –

Gärtner.
Wie Feigen, Herr.

Sylvester.                     Hilft nichts. Reiß aus, reiß aus –

Gärtner.
Ein Gärtner, Herr, bepflanzt zehn Felder lieber
Mit Buchsbaum, eh er einen Kohlstrunk ausreißt.

Sylvester.
Du bist ein Narr. Ausreißen ist ein froh Geschäft,
Geschiehts um etwas Besseres zu pflanzen.
Denk dir das junge Volk von Bäumen, die,
Wenn wir vorbeigehn, wie die Kinder tanzen,
Und uns mit ihren Blütenaugen ansehn.
Es wird dich freuen, Hans, du kannsts mir glauben.
Du wirst sie hegen, pflegen, wirst sie wie
Milchbrüder deiner Kinder lieben, die
Mit ihnen Leben ziehn aus deinem Fleiße.
Zusammen wachsen wirst du sie, zusammen
Sie blühen sehn, und wenn dein Mädel dir
Den ersten Enkel bringt, gib acht, so füllen
Zum Brechen unsre Speicher sich mit Obst.

Gärtner.
Herr, werden wirs erleben?

Sylvester.                                     Ei, wenn nicht wir,
Doch unsre Kinder.

Gärtner.                         Deine Kinder? Herr,
Ich möchte lieber eine Eichenpflanzung
Groß ziehen, als dein Fräulein.

Sylvester.                                         Wie meinst du das?

Gärtner.
Denn wenn sie der Nordostwind nur nicht stürzt,
So sollt mir mit dem Beile keiner nahn,
Wie Junker Philipp'n.

Sylvester.                           Schweig! Ich kann das alberne
Geschwätz im Haus nicht leiden.

Gärtner.                                               Nun, ich pflanz
Die Bäume. Aber eßt Ihr nicht die Früchte,
Der Teufel hol mich, schick ich sie nach Rossitz.

(Gärtner ab; Agnes verbirgt ihr Gesicht an die Brust ihrer Mutter.)

Sylvester.
Was ist das? Ich erstaune – O daran ist,
Beim Himmel! niemand schuld als du, Gertrude!
Das Mißtraun ist die schwarze Sucht der Seele,
Und alles, auch das Schuldlos-Reine, zieht
Fürs kranke Aug die Tracht der Hölle an.
Das Nichtsbedeutende, Gemeine, ganz
Alltägliche, spitzfündig, wie zerstreute
Zwirnfäden, wirds zu einem Bild geknüpft,
Das uns mit gräßlichen Gestalten schreckt.
Gertrude, o das ist sehr schlimm. –

Gertrude.                                                 Mein teurer
Gemahl! –

Sylvester.         Hättst du nicht wenigstens das Licht,
Das, wie du vorgibst, dir gezündet ward,
Verbergen in dem Busen, einen so
Zweideutgen Strahl nicht fallen lassen sollen
Auf diesen Tag, den, hätt er was du sagst
Gesehn, ein mitternächtlich Dunkel ewig,
Wie den Karfreitag, decken müßte.

Gertrude.                                               Höre
Mich an. –

Sylvester.         Dem Pöbel, diesem Starmatz – diesem
Hohlspiegel des Gerüchtes – diesem Käfer
Die Kohle vorzuwerfen, die er spielend
Aufs Dach des Nachbars trägt –

Gertrude.                                             Ihm vorgeworfen?
O mein Gemahl, die Sache lag so klar
Vor aller Menschen Augen, daß ein jeder,
Noch eh man es verbergen konnte, schon
Von selbst das Rechte griff.

Sylvester.                                     Was meinst du? Wenn
Vor achtzehn Jahren, als du schnell nach Rossitz
Zu deiner Schwester eiltest, bei der ersten
Geburt ihr beizustehn, die Schwester nun,
Als sie den neugebornen Knaben tot
Erblickte, dich beschuldigt hätte, du,
Du hättest – du verstehst mich – heimlich ihm,
Verstohlen, während du ihn herztest, küßtest,
Den Mund verstopft, das Hirn ihm eingedrückt –

Gertrude.
O Gott, mein Gott, ich will ja nichts mehr sagen,
Will niemand mehr beschuldgen, wills verschmerzen,
Wenn sie dies Einzge nur, dies Letzte uns nur lassen. –

(Sie umarmt Agnes mit Heftigkeit.)

Ein Knappe (tritt auf).
Es ist ein Ritter, Herr, am Tore.

Sylvester.                                           Laß ihn ein.

Sylvius.
Ich will aufs Zimmer, Agnes, führe mich.

(Sylvius und Agnes ab.)

Gertrude.
Soll ich ihm einen Platz an unserm Tisch
Bereiten?

Sylvester.         Ja, das magst du tun. Ich will
Indessen Sorge tragen für sein Pferd.

(Beide ab; Agnes tritt auf, sieht sich um, schlägt ein Tuch über, setzt einen Hut auf, und geht ab. Sylvester und Aldöbern treten auf)

Sylvester.
Aus Rossitz, sagst du?

Aldöbern.                             Ritter Aldöbern
Aus Rossitz. Bin gesandt von meinem Herrn,
Dem Rupert, Graf von Schroffenstein, an dich,
Sylvester, Grafen Schroffenstein.

Sylvester.                                             Die Sendung
Empfiehlt dich, Aldöbern; denn deines Herrn
Sind deine Freunde. Drum so laß uns schnell
hinhüpfen über den Gebrauch; verzeih
Daß ich mich setze, setz dich zu mir, und
Erzähle alles, was du weißt, von Rossitz.
Denn wie, wenn an zwei Seegestaden zwei
Verbrüderte Familien wohnen, selten,
Bei Hochzeit nur, bei Taufe, Trauer, oder
Wenns sonst was Wichtges gibt, der Kahn
Herüberschlüpft, und dann der Bote vielfach,
Noch eh er reden kann, befragt wird, was
Geschehn, wies zuging, und warum nicht anders,
Ja selbst an Dingen, als, wie groß der Ältste,
Wie viele Zähn der Jüngste, ob die Kuh
Gekalbet, und dergleichen, das zur Sache
Doch nicht gehöret, sich erschöpfen muß –
Sieh, Freund, so bin ich fast gesonnen, es
Mit dir zu machen. – Nun, beliebts so setz dich.

Aldöbern.
Herr, kann es stehend abtun.

Sylvester.                                     Ei, du Narr,
Stehn und Erzählen, das gehört zusammen,
Wie Reiten fast und Küssen.

Aldöbern.                                     Meine Rede
Wär fertig, Herr, noch eh ich niedersitze.

Sylvester.
Willst du so kurz sein? Ei, das tut mir leid;
Doch wenns so drängt, ich wills nicht hindern. Rede.

Aldöbern.
Mich schickt mein Herr, Graf Rupert Schroffenstein,
Dir wegen des an seinem Sohne Peter
Verübten Mords den Frieden aufzukünden. –

Sylvester.
Mord?

Aldöbern.
Mord.
Doch soll ich, meint er, nicht so frostig reden,
Von bloßem Zwist und Streit und Kampf und Krieg,
Von Sengen, Brennen, Reißen und Verheeren.
Drum brauch ich lieber seine eignen Worte,
Die lauten so: Er sei gesonnen, hier
Auf deiner Burg ein Hochgericht zu bauen;
Es dürste ihm nach dein und deines Kindes –
Und deines Kindes Blute – wiederholt' er.

Sylvester (steht auf, sieht ihm steif ins Gesicht).
Ja so – Nun setz dich, guter Freund. – (Er holt einen Stuhl.) Du bist
Aus Rossitz nicht, nicht wahr? – Nun setz dich. Wie
War schon dein Name? Setz dich, setz dich. – Nun,
Sag an, ich habs vergessen, wo, wo bist
Du her?

Aldöbern.     Gebürtig? Herr, aus Oppenheim.
– Was soll das?

Sylvester.                   So, aus Oppenheim – nun also
Aus Rossitz nicht. Ich wußt es wohl, nun setz dich.
(Er geht an die Tür.)
Gertrude! (Gertrude tritt auf) Laß mir doch den Knappen rufen
Von diesem Ritter, hörst du? (Gertrude ab.) Nun, so setz dich
Doch, Alter – Was den Krieg betrifft, das ist
Ein lustig Ding für Ritter; sieh, da bin ich
Auf deiner Seite. –

Aldöbern.                         Meiner Seite?

Sylvester.                                                 Ja,
Was Henker denkst du? Hat dir einer Unrecht,
Beschimpfung, oder sonst was zugefügt,
So sag dus mir, sags mir, wir wollens rächen.

Aldöbern.
Bist du von Sinnen, oder ists Verstellung?

(Gertrude, der Knappe und ein Diener treten auf)

Sylvester.
Sag an, mein Sohn, wer ist dein Herr? Es ist
Mit ihm wohl – nun du weißt schon, was ich meine. –

Aldöbern.
Den Teufel bin ich, was du meinst. Denkst du
Mir sei von meiner Mutter so viel Menschen-
Verstand nicht angeboren, als vonnöten,
Um einzusehn, du seist ein Schurke? Frag
Die Hund auf unserm Hofe, sieh, sie riechens
Dir an, und nähme einer einen Bissen
Aus deiner Hand, so hänge mich. – Zum Schlusse
So viel noch. Mein Geschäft ist aus. Den Krieg
Hab ich dir Kindesmörder angekündigt. (Will ab.)

Sylvester (hält ihn).
Nein, halte – Nein, bei Gott du machst mich bange.
Denn deine Rede, wenn sie gleich nicht reich,
Ist doch so wenig arm an Sinn, daß michs
Entsetzet. – Einer von uns beiden muß
Verrückt sein; bist dus nicht, ich könnt es werden.
Die Unze Mutterwitz, die dich vom Tollhaus
Errettet, muß, es kann nicht anders, mich
Ins Tollhaus führen. – Sieh, wenn du mir sagtest,
Die Ströme flössen neben ihren Ufern
Bergan, und sammelten auf Felsenspitzen
In Seen sich, so wollt – ich wollts dir glauben;
Doch sagst du mir, ich hätt ein Kind gemordet,
Des Vetters Kind –

Gertrude.                         O großer Gott, wer denn
Beschuldiget dich dieser Untat? Die aus Rossitz,
Die selbst, vor wenig Monden –

Sylvester.                                           Schweig. Nun wenns
Beliebt, so sags mir einmal noch. Ists wahr,
Ists wirklich wahr? Um eines Mordes willen
Krieg wider mich?

Aldöbern.                         Soll ichs dir zehenmal
Und wieder zehnmal wiederkäun?

Sylvester.                                                 Nun gut.
Franz, sattle mir mein Pferd. – Verzeih mein Freund,
Wer kann das Unbegreifliche begreifen?
– Wo ist mein Helm, mein Schwert? – Denn hören muß
Ichs doch aus seinem Munde, eh ichs glaube.
– Schick zu Jeronimus, er möchte schnell
Nach Warwand kommen. –

Aldöbern.                                     Leb denn wohl.

Sylvester.                                                             Nein, warte;
Ich reite mit dir, Freund.

Gertrude.                                 Um Gotteswillen,
In deiner Feinde Macht gibst du dich selbst?

Sylvester.
Laß gut sein.

Aldöbern.               Wenn du glaubst, sie werden schonend
In Rossitz dich empfangen, irrst du dich.

Sylvester (immer beim Anzuge beschäftigt).
Tut nichts, tut nichts; allein werd ich erscheinen.
Ein einzelner tritt frei zu seinen Feinden.

Aldöbern.
Das Mildeste, das dir begegnen mag,
Ist, daß man an des Kerkers Wand dich fesselt.

Sylvester.
Es ist umsonst. – Ich muß mir Licht verschaffen,
Und sollt ichs mir auch aus der Hölle holen.

Aldöbern.
Ein Fluch ruht auf dein Haupt, es ist nicht einer
In Rossitz, dem dein Leben heilig wäre.

Sylvester.
Du schreckst mich nicht. – Mir ist das ihre heilig,
Und fröhlich kühn wag ich mein einzelnes.
Nun fort! (Zu Gertrude.) Ich kehre unverletzt zurück,
So wahr der Gottheit selbst die Unschuld heilig.

(Wie sie abgehen wollen, tritt Jeronimus auf)

Jeronimus.
Wohin?

Sylvester.     Gut, daß du kommst. Ich bitte dich,
Bleib bei den Weibern, bis ich wiederkehre.

Jeronimus.
Wo willst du hin?

Sylvester.                     Nach Rossitz.

Jeronimus.                                         Lieferst du
Wie ein bekehrter Sünder selbst dich aus?

Sylvester.
Was für ein Wort –?

Jeronimus.                         Ei nun, ein schlechtes Leben
Ist kaum der Mühe wert, es zu verlängern.
Drum geh nur hin, und leg dein sündig Haupt
In christlicher Ergebung auf den Block.

Sylvester.
Glaubst du, daß ich, wenn eine Schuld mich drückte,
Das Haupt dem Recht der Rache weigern würde?

Jeronimus.
O du Quacksalber der Natur! Denkst du,
Ich werde dein verfälschtes Herz auf Treu
Und Glauben zweimal als ein echtes kaufen?
Bin ich ein blindes Glied denn aus dem Volke,
Daß du mit deinem Ausruf an der Ecke
Mich äffen willst, und wieder äffen willst?
– Doch nicht so vielen Atem bist du wert,
Als nur dies einzge Wort mir kostet: Schurke!
Ich will dich meiden, das ist wohl das Beste.
Denn hier in deiner Nähe stinkt es, wie
Bei Mördern.

(Sylvester fällt in Ohnmacht.)

Gertrude.             Hülfe! Kommt zu Hülfe! Hülfe!

(Der Vorhang fällt.)

Zweiter Aufzug

Erste Szene

Gegend im Gebirge. Im Vordergrunde eine Höhle. Agnes sitzt an der Erde und knüpft Kränze. Ottokar tritt auf, und betrachtet sie mit Wehmut. Dann wendet er sich mit einer schmerzvollen Bewegung, während welcher Agnes ihn wahrnimmt, welche dann zu knüpfen fortfährt, als hätte sie ihn nicht gesehen.

Agnes.
's ist doch ein häßliches Geschäft: belauschen;
Und weil ein rein Gemüt es stets verschmäht,
So wird nur dieses grade stets belauscht.
Drum ist das Schlimmste noch, daß es den Lauscher,
Statt ihn zu strafen, lohnt. Denn statt des Bösen,
Das er verdiente zu entdecken, findet
Er wohl sogar ein still Bemühen noch
Für sein Bedürfnis, oder seine Laune.
Da ist, zum Beispiel, heimlich jetzt ein Jüngling
– Wie heißt er doch? Ich kenn ihn wohl. Sein Antlitz
Gleicht einem wilden Morgenungewitter,
Sein Aug dem Wetterleuchten auf den Höhn,
Sein Haar den Wolken, welche Blitze bergen,
Sein Nahen ist ein Wehen aus der Ferne,
Sein Reden wie ein Strömen von den Bergen
Und sein Umarmen – Aber still! Was wollt
Ich schon? ja, dieser Jüngling, wollt ich sagen,
Ist heimlich nun herangeschlichen, plötzlich,
Unangekündigt, wie die Sommersonne,
Will sie ein nächtlich Liebesfest belauschen.
Nun wär mirs recht, er hätte was er sucht,
Bei mir gefunden, und die Eifersucht,
Der Liebe Jugendstachel, hätte, selbst
Sich stumpfend, ihn hinaus gejagt ins Feld,
Gleich einem jungen Rosse, das zuletzt
Doch heimkehrt zu dem Stall, der ihn ernährt.
Statt dessen ist kein andrer Nebenbuhler
Jetzt grade um mich, als sein Geist. Und der
Singt mir sein Lied zur Zither vor, wofür
Ich diesen Kranz ihm winde. (Sie sieht sich um.) Fehlt dir was?

Ottokar.
Jetzt nichts.

Agnes.               So setz dich nieder, daß ich sehe,
Wie dir der Kranz steht. Ist er hübsch?

Ottokar.                                                       Recht hübsch.

Agnes.
Wahrhaftig? Sieh einmal die Finger an.

Ottokar.
Sie bluten. –

Agnes.                 Das bekam ich, als ich aus den Dornen
Die Blumen pflückte.

Ottokar.                           Armes Kind.

Agnes.                                                   Ein Weib
Scheut keine Mühe. Stundenlang hab ich
Gesonnen, wie ein jedes einzeln Blümchen
Zu stellen, wie das unscheinbarste selbst
Zu nutzen sei, damit Gestalt und Farbe
Des Ganzen seine Wirkung tue. – Nun,
Der Kranz ist ein vollendet Weib. Da, nimm
Ihn hin. Sprich: er gefällt mir; so ist er
Bezahlt. (Sie sieht sich wieder um.)
              Was fehlt dir denn?
(Sie steht auf; Ottokar faßt ihre Hand.)
                                              Du bist so seltsam,
So feierlich – bist unbegreiflich mir.

Ottokar.
Und mir du.

Agnes.                 Liebst du mich, so sprich sogleich
Ein Wort, das mich beruhigt.

Ottokar.                                         Erst sprich du.
Wie hast dus heute wagen können, heute,
Von deinem Vaterhaus dich zu entfernen?

Agnes.
Von meinem Vaterhause? Kennst dus denn?
Hab ich nicht stets gewünscht, du möchtest es
Nicht zu erforschen streben?

Ottokar.                                         O verzeih!
Nicht meine Schuld ists, daß ichs weiß.

Agnes.                                                           Du weißts?

Ottokar.
Ich weiß es, fürchte nichts! Denn deinem Engel
Kannst du dich sichrer nicht vertraun, als mir.
Nun sage mir, wie konntest du es wagen,
So einsam dies Gebirge zu betreten,
Da doch ein mächtger Nachbar all die Deinen
In blutger Rachefehd verfolgt?

Agnes.                                             In Fehde?
In meines Vaters Sälen liegt der Staub
Auf allen Rüstungen, und niemand ist
Uns feindlich, als der Marder höchstens, der
In unsre Hühnerställe bricht.

Ottokar.                                         Wie sagst du?
Ihr wärt in Frieden mit den Nachbarn? Wärt
In Frieden mit euch selbst?

Agnes.                                         Du hörst es, ja.

Ottokar.
O Gott! Ich danke dir mein Leben nur
Um dieser Kunde! – Mädchen! Mädchen! O
Mein Gott, so brauch ich dich ja nicht zu morden!

Agnes. Morden?

Ottokar.
O komm! (Sie setzen sich.) Nun will ich heiter, offen, wahr,
Wie deine Seele mit dir reden. Komm!
Es darf kein Schatten mehr dich decken, nicht
Der mindeste, ganz klar will ich dich sehen.
Dein Innres ists mir schon, die neugebornen
Gedanken kann ich wie dein Gott erraten.
Dein Zeichen nur, die freundliche Erfindung
Mit einer Silbe das Unendliche
Zu fassen, nur den Namen sage mir.
Dir sag ich meinen gleich; denn nur ein Scherz
War es, dir zu verweigern, was du mir.
Ich hätte deinen längst erforscht, wenn nicht
Sogar dein unverständliches Gebot
Mir heilig. Aber nun frag ich dich selbst.
Nichts Böses bin ich mir bewußt, ich fühle
Du gehst mir über alles Glück der Welt,
Und nicht ans Leben bin ich so gebunden,
So gern nicht, und so fest nicht, wie an dich.
Drum will ich, daß du nichts mehr vor mir birgst,
Und fordre ernst dein unumschränkt Vertrauen.

Agnes.
Ich kann nicht reden, Ottokar. –

Ottokar.                                             Was ängstigt dich?
Ich will dir jeden falschen Wahn benehmen.

Agnes.
– Du sprachst von Mord.

Ottokar.                                   Von Liebe sprach ich nur.

Agnes.
Von Liebe, hör ich wohl, sprachst du mit mir,
Doch sage mir, mit wem sprachst du vom Morde?

Ottokar.
Du hörst es ja, es war ein böser Irrtum,
Den mir ein selbst getäuschter Freund erweckt.

(Johann zeigt sich im Hintergrunde.)

Agnes.
Dort steht ein Mensch, den kenn ich.
(Sie steht auf)

Ottokar.                                                   Kennst du ihn?

Agnes.
Leb wohl.

Ottokar.         Um Gotteswillen, nein, du irrst dich.

Agnes.
Ich irre nicht. – Laß mich – Wollt ihr mich morden?

Ottokar.
Dich morden? – Frei bist du, und willst du gehen,
Du kannst es unberührt, wohin du willst.

Agnes.
So leb denn wohl.

Ottokar.                       Und kehrst nicht wieder?

Agnes.                                                                   Niemals,
Wenn du nicht gleich mir deinen Namen sagst.

Ottokar.
Das soll ich jetzt – vor diesem Fremden –

Agnes.                                                                 So
Leb wohl auf ewig.

Ottokar.                           Maria! Willst du nicht besser von
Mir denken lernen?

Agnes.                             Zeigen kann ein jeder
Gleich, wer er ist.

Ottokar.                         Ich will es heute noch. Kehr wieder.

Agnes.
Soll ich dir traun, wenn du nicht mir?

Ottokar.                                                     Tu es
Auf die Gefahr.

Agnes.                       Es sei! Und irr ich mich,
Nicht eine Träne kosten soll es mich. (Ab.)

Ottokar.
Johann, komm her, du siehst sie ist es wohl,
Es ist kein Zweifel mehr, nicht wahr?

Johann.                                                       Es mag
Wies scheint, dir wohl an keinem Aufschluß mangeln,
Den ich dir geben könnte.

Ottokar.                                   Wie dus nimmst.
Zwei Werte hat ein jeder Mensch: den einen
Lernt man nur kennen aus sich selbst, den andern
Muß man erfragen.

Johann.                         Hast du nur den Kern,
Die Schale gibt sich dann als eine Zugab.

Ottokar.
Ich sage dir, sie weigert mir, wie dir,
Den Namen, und wie dich, so flieht sie mich
Schon bei der Ahndung bloß, ich sei aus Rossitz.
Du sahst es selbst, gleich einem Geist erscheint
Und schwindet sie uns beiden.

Johann.                                             Beiden? Ja.
Doch mit dem Unterschied, daß dir das eine
Talent geworden, ihn zu rufen, mir
Das andre bloß, den Geist zu bannen.

Ottokar.                                                       Johann!

Johann.
Pah! – Die Schuld liegt an der Spitze meiner Nase
Und etwa noch an meinen Ohrenzipfeln.
Was sonst an mir kann so voll Greuel sein,
Daß es das Blut aus ihren Wangen jagt
Und, bis aufs Fliehen, jede Kraft ihr nimmt?

Ottokar.
Johann, ich kenne dich nicht mehr.

Johann.                                                 Ich aber dich.

Ottokar.
Ich will im voraus jede Kränkung dir
Vergeben, wenn sie sich nur edel zeigt.

Johann.
Nicht übern Preis will ich dir zahlen. – Sprich.
Wenn einer mir vertraut', er wiss ein Roß,
Das ihm bequem sei, und er kaufen wolle,
Und ich, ich ginge heimlich hin und kaufts
Mir selbst – was meinst du, wäre das wohl edel?

Ottokar.
Sehr schief wählst du dein Gleichnis.

Johann.                                                       Sage bitter;
Und doch ists Honig gegen mein Gefühl.

Ottokar.
Dein Irrtum ist dir lieb, weil er mich kränkt.

Johann.
Kränkt? Ja, das ist mir lieb, und ists ein Irrtum,
Just darum will ich zähe fest ihn halten.

Ottokar.
Nicht viele Freude wird dir das gewähren,
Denn still verschmerzen werd ich, was du tust.

Johann.
Da hast du recht. Nichts würd mich mehr verdrießen,
Als wenn dein Herz wie eine Kröte wär,
Die ein verwundlos steinern Schild beschützt,
Denn weiter keine Lust bleibt mir auf Erden,
Als einer Bremse gleich dich zu verfolgen.

Ottokar.
Du bist weit besser als der Augenblick.

Johann.
Du Tor! Du Tor! Denkst du mich so zu fassen?
Weil ich mich edel nicht erweise, nicht
Erweisen will, machst du mir weis, ich seis,
Damit die unverdiente Ehre mich
Bewegen soll, in ihrem Sinn zu handeln?
Vor deine Füße werf ich deine Achtung. –

Ottokar.
Du willst mich reizen, doch du kannst es nicht;
Ich weiß, du selbst, du wirst mich morgen rächen.

Johann.
Nein, wahrlich, nein, dafür will ich schon sorgen.
Denn in die Brust schneid ich mir eine Wunde,
Die reiz ich stets mit Nadeln, halte stets
Sie offen, daß es mir recht sinnlich bleibe.

Ottokar.
Es ist nicht möglich, ach, es ist nicht möglich!
Wie könnte dein Gemüt so häßlich sein,
Da du doch Agnes, Agnes lieben kannst!

Johann.
Und daran noch erinnerst du mich, o
Du Ungeheuer!

Ottokar.                 Lebe wohl, Johann.

Johann.
Nein, halt! Du denkst, ich habe bloß gespaßt.

Ottokar.
Was willst du?

Johann.                     Gerad heraus. Mein Leben
Und deines sind wie zwei Spinnen in der Schachtel.
Drum zieh! (Er zieht.)

Ottokar.             Gewiß nicht. Fallen will ich anders
Von deiner Hand nicht, als gemordet.

Johann.                                                       Zieh,
Du Memme! Nicht nach deinem Tod, nach meinem,
Nach meinem nur gelüstets mir.

Ottokar (umarmt ihn).                       Johann!
Mein Freund! Ich dich ermorden.

Johann (stößt ihn fort).                         Fort, du Schlange!
Nicht stechen will sie, nur mit ihrem Anblick
Mich langsam töten. – Gut. (Er steckt das Schwert ein.)
                                            Noch gibts ein andres Mittel.

(Beide von verschiedenen Seiten ab.)

Zweite Szene

Warwand, Zimmer im Schlosse. Sylvester auf einem Stuhle, mit Zeichen der Ohnmacht, die nun vorüber. Um ihn herum Jeronimus, Theistiner, Gertrude und ein Diener.

Gertrude.
Nun, er erholt sich, Gott sei Dank. –

Sylvester.                                                 Gertrude –

Gertrude.
Sylvester, kennst du mich, kennst du mich wieder?

Sylvester.
Mir ist so wohl, wie bei dem Eintritt in
Ein andres Leben.

Gertrude.                     Und an seiner Pforte
Stehn deine Engel, wir, die Deinen, liebreich
Dich zu empfangen.

Sylvester.                         Sage mir, wie kam
Ich denn auf diesen Stuhl? Zuletzt, wenn ich
Nicht irre, stand ich – nicht?

Gertrude.                                     Du sankest stehend
In Ohnmacht.

Sylvester.             Ohnmacht? Und warum denn das?
So sprich doch. – Wie, was ist dir denn? Was ist
Euch denn? (Er sieht sich um; lebhaft.)
                  Fehlt Agnes? Ist sie tot?

Gertrude.                                                 O nein,
O nein, sie ist in ihrem Garten.

Sylvester.                                         Nun,
Wovon seid ihr denn alle so besessen?
Gertrude sprich. – Sprich du, Theistiner. – Seid
Ihr stumm, Theistin, Jero – – Jeronimus!
Ja so – ganz recht – nun weiß ich. –

Gertrude.                                                 Komm ins Bette,
Sylvester, dort will ichs dir schon erzählen.

Sylvester.
Ins Bett? O pfui! Bin ich denn – sage mir,
Bin ich in Ohnmacht wirklich denn gefallen?

Gertrude.
Du weißt ja, wie du sagst, sogar warum?

Sylvester.
Wüßt ichs? O pfui! O pfui! Ein Geist ist doch
Ein elend Ding.

Gertrude.                 Komm nur ins Bett, Sylvester,
Dein Leib bedarf der Ruhe.

Sylvester                                     Ja, 's ist wahr,
Mein Leib ist doch an allem schuld.

Gertrude.                                                 So komm.

Sylvester.
Meinst du, es wäre nötig?

Gertrude.                                 Ja, durchaus
Mußt du ins Bette.

Sylvester.                       Dein Bemühen
Beschämt mich. Gönne mir zwei Augenblicke,
So mach ich alles wieder gut, und stelle
Von selbst mich her.

Gertrude.                         Zum mindsten nimm die Tropfen
Aus dem Tirolerfläschchen, das du selbst
Stets als ein heilsam Mittel mir gepriesen.

Sylvester.
An eigne Kraft glaubt doch kein Weib, und traut
Stets einer Salbe mehr zu als der Seele.

Gertrude.
Es wird dich stärken, glaube mir. –

Sylvester.                                                 Dazu
Brauchts nichts als mein Bewußtsein. (Er steht auf) Was mich freut,
Ist, daß der Geist doch mehr ist, als ich glaubte,
Denn flieht er gleich auf einen Augenblick,
An seinen Urquell geht er nur, zu Gott,
Und mit Heroenkraft kehrt er zurück.
Theistiner! 's ist wohl viele Zeit nicht zu
Verlieren. – Gertrud! Weiß ers?

Gertrude.                                             Ja.

Sylvester.                                                   Du weißts? Nun, sprich,
Was meinst du, 's ist doch wohl ein Bubenstück?
's ist wohl kein Zweifel mehr, nicht wahr?

Theistiner.                                                         In Warwand
Ist keiner, ders bezweifelt, ist fast keiner,
Ders, außer dir, nicht hätt vorhergesehen,
Wies enden müsse, sei es früh, seis spät.

Sylvester.
Vorhergesehen? Nein, das hab ich nicht.
Bezweifelt? Nein, das tu ich auch nicht mehr.
– Und also ists den Leuten schon bekannt?

Theistiner.
So wohl, daß sie das Haupt sogar besitzen,
Das dir die Nachricht her aus Rossitz brachte.

Sylvester.
Wie meinst du das? Der Herold wär noch hier?

Theistiner.
Gesteinigt, ja.

Sylvester.               Gesteiniget?

Theistiner.                                   Das Volk
War nicht zu bändigen. Sein Haupt ist zwischen
Den Eulen an den Torweg festgenagelt.

Sylvester.
Unrecht ists,
Theistin, mit deinem Haupt hättst du das seine,
Das heilige, des Herolds, schützen sollen.

Theistiner.
Mit Unrecht tadelst du mich, Herr, ich war
Ein Zeuge nicht der Tat, wie du wohl glaubst.
Zu seinem Leichnam kam ich – diesen hier
Jeronimus, wars just noch Zeit zu retten.

Sylvester.
– Ei nun, sie mögens niederschlucken. Das
Geschehne muß stets gut sein, wie es kann.
Ganz rein, seh ich wohl ein, kanns fast nicht abgehn,
Denn wer das Schmutzge anfaßt, den besudelts.
Auch, find ich, ist der Geist von dieser Untat
Doch etwas wert, und kann zu mehr noch dienen.
Wir wollens nützen. Reite schnell ins Land,
Die sämtlichen Vasallen biete auf,
Sogleich sich in Person bei mir zu stellen,
Indessen will ich selbst von Männern, was
Hier in der Burg ist, sammeln, Reden brauchts
Nicht viel, ich stell mein graues Haupt zur Schau,
Und jedes Haar muß einen Helden werben.
Das soll den ersten Bubenanfall hemmen,
Dann, sind wir stärker, wenden wir das Blatt,
In seiner Höhle suchen wir den Wolf,
Es kann nicht fehlen, glaube mirs, es geht
Für alles ja, was heilig ist und hehr,
Für Tugend, Ehre, Weib und Kind und Leben.

Theistiner.
So geh ich, Herr, noch heut vor Abend sind
Die sämtlichen Vasallen hier versammelt.

Sylvester. 's ist gut. (Theistiner ab.)
                        Franziskus, rufe mir den Burgvogt.
– Noch eins. Die beiden Waffenschmiede bringe
Gleich mit. (Der Diener ab.)
(Zu Jeronimus.) Dir ist ein Unglimpf widerfahren,
Jeronimus, das tut mir leid. Du weißt ich war
Im eigentlichsten Sinn nicht gegenwärtig.
Die Leute sind mir gut, du siehsts, es war
Ein mißverstandner Eifer bloß der Treue.
Drum mußt dus ihnen schon verzeihn. Fürs Künftge
Versprech ich, will ich sorgen. Willst du fort
Nach Rossitz, kannst dus gleich, ich gebe dir
Zehn Reis'ge zur Begleitung mit.
                                                    Ich kanns
Nicht leugnen fast, daß mir der Unfall lieb,
Versteh mich, bloß weil er dich hier verweilte,
Denn sehr unwürdig hab ich mich gezeigt,
– Nein, sage nichts. Ich weiß das. Freilich mag
Wohl mancher sinken, weil er stark ist. Denn
Die kranke abgestorbne Eiche steht
Dem Sturm, doch die gesunde stürzt er nieder,
Weil er in ihre Krone greifen kann.
– Nicht jeden Schlag ertragen soll der Mensch,
Und welchen Gott faßt, denk ich, der darf sinken,
– Auch seufzen. Denn der Gleichmut ist die Tugend
Nur der Athleten. Wir, wir Menschen fallen
Ja nicht für Geld, auch nicht zur Schau. – Doch sollen
Wir stets des Anschauns würdig aufstehn.
                                                                    Nun
Ich halte dich nicht länger. Geh nach Rossitz
Zu deinen Freunden, die du dir gewählt.
Denn hier in Warwand, wie du selbst gefunden,
Bist du seit heute nicht mehr gern gesehn.

Jeronimus.
– Hast recht, hast recht – bins nicht viel besser wert,
Als daß du mir die Türe zeigst. – Bin ich
Ein Schuft in meinen Augen doch, um wie
Viel mehr in deinen. – Zwar ein Schuft, wie du
Es meinst, der bin ich nicht. – Doch kurz und gut,
Glaubt was ihr wollt. Ich kann mich nicht entschuldgen,
Mir lähmts die Zung, die Worte wollen, wie
Verschlagne Kinder, nicht ans Licht. – Ich gehe,
Nur so viel sag ich dir, ich gehe nicht
Nach Rossitz, hörst du? Und noch eins. Wenn du
Mich brauchen kannst, so sags, ich laß mein Leben
Für dich, hörst du, mein Leben. (Ab.)

Gertrude.                                           Hör, Jerome!
– Da geht er hin. – Warum riefst du ihm nicht?

Sylvester.
Verstehst du was davon, so sag es mir.
Mir ists noch immer wie ein Traum.

Gertrude.                                                 Ei nun,
Er war gewonnen von den Rossitzschen.
Denn in dem ganzen Gau ist wohl kein Ritter,
Den sie, wenns ging, uns auf den Hals nicht hetzten.

Sylvester.
Allein Jeronimus! – Ja, wärs ein andrer,
So wollt ichs glauben, doch Jeronimus!
's ist doch so leicht nicht, in dem Augenblick
Das Werk der Jahre, Achtung, zu zerstören.

Gertrude.
O 's ist ein teuflischer Betrug, der mich,
Ja dich mißtrauisch hätte machen können.

Sylvester.
Mich selbst? Mißtrauisch gegen mich? Nun laß
Doch hören.

Gertrude.           Ruperts jüngster Sohn ist wirklich
Von deinen Leuten im Gebirg erschlagen.

Sylvester.
Von meinen Leuten?

Gertrude.                       O das ist bei weitem
Das Schlimmste nicht. Der eine hats sogar
Gestanden, du hättst ihn zu Mord gedungen.

Sylvester.
Gestanden hätt er das?

Gertrude.                           Ja, auf der Folter,
Und ist zwei Augenblicke drauf verschieden.

Sylvester.
Verschieden? – Und gestanden? – Und im Tode,
Wär auch das Leben voll Abscheulichkeit,
Im Tode ist der Mensch kein Sünder. – Wer
Hats denn gehört, daß ers gestanden?

Gertrude.
Ganz Rossitz. Unter Volkes Augen, auf
Dem öffentlichen Markt ward er gefoltert.

Sylvester.
Und wer hat dir das mitgeteilt?

Gertrude.                                         Jerome,
Er hat sich bei dem Volke selbst erkundigt.

Sylvester.
– Nein, das ist kein Betrug, kann keiner sein.

Gertrude.
Um Gotteswillen, was denn sonst?

Sylvester.                                               Bin ich
Denn Gott, daß du mich frägst?

Gertrude.                                         Ists keiner, so
O Himmel! fällt ja der Verdacht auf uns.

Sylvester.
Ja, allerdings fällt er auf uns.

Gertrude.                                       Und wir,
Wir müßten uns dann reinigen?

Sylvester.                                         Kein Zweifel,
Wir müssen es, nicht sie.

Gertrude.                               O du mein Heiland,
Wie ist das möglich?

Sylvester.                           Möglich? ja, das wärs,
Wenn ich nur Rupert sprechen könnte.

Gertrude.                                                   Wie?
Das könntest du dich jetzt getraun, da ihn
Des Herolds Tod noch mehr erbittert hat?

Sylvester.
's ist freilich jetzt weit schlimmer. – Doch es ist
Das einzge Mittel, das ergreift sich leicht.
– Ja recht, so gehts. – Wo mag Jerome sein?
Ob er noch hier? Der mag mich zu ihm führen.

Gertrude.
O mein Gemahl, o folge meinem Rate. –

Sylvester.
Gertrude – Laß mich – das verstehst du nicht.

(Beide ab.)

Dritte Szene

Platz vor den Toren von Warwand.

Agnes (tritt in Hast aus.)
Zu Hülfe! Zu Hülfe!

Johann (ergreift sie).       So höre mich doch, Mädchen!
Es folgt dir ja kein Feind, ich liebe dich,
Ach, lieben! Ich vergöttre dich!

Agnes.
Fort, Ungeheuer, bist du nicht aus Rossitz?

Johann.
Wie kann ich furchtbar sein? Sieh mich doch an,
Ich zittre selbst vor Wollust und vor Schmerz
Mit meinen Armen dich, mein ganzes Maß
Von Glück und Jammer zu umschließen.

Agnes.
Was willst du, Rasender, von mir?

Johann.                                                   Nichts weiter.
Mir bist du tot, und einer Leiche gleich,
Mit kaltem Schauer drück ich dich ans Herz.

Agnes.
Schützt mich, ihr Himmlischen, vor seiner Wut!

Johann.
Sieh, Mädchen, morgen lieg ich in dem Grabe,
Ein Jüngling, ich – nicht wahr das tut dir weh?
Nun, einem Sterbenden schlägst du nichts ab,
Den Abschiedskuß gib mir. (Er küßt sie.)

Agnes.                                         Errettet mich,
Ihr Heiligen!

Johann.                 – Ja, rette du mich, Heilge!
Es hat das Leben mich wie eine Schlange,
Mit Gliedern, zahnlos, ekelhaft, umwunden.
Es schauert mich, es zu berühren. – Da,
Nimm diesen Dolch. –

Agnes.                                   Zu Hülfe! Mörder! Hülfe!

Johann (streng).
Nimm diesen Dolch, sag ich. – Hast du nicht einen
Mir schon ins Herz gedrückt?

Agnes.                                             Entsetzlicher!

(Sie sinkt besinnungslos zusammen.)

Johann (sanft).
Nimm diesen Dolch, Geliebte – Denn mit Wollust,
Wie deinem Kusse sich die Lippe reicht,
Reich ich die Brust dem Stoß von deiner Hand.

Jeronimus (tritt mit Reisigen aus dem Tore).
Hier war das Angstgeschrei – – Unglücklicher!
Welch eine Tat – Sie ist verwundet – Teufel!
Mit deinem Leben sollst dus büßen.
(Er verwundet Johann; der fällt. Jeronimus faßt Agnes auf)
                                                          Agnes! Agnes!
Ich sehe keine Wunde. – Lebst du, Agnes?

(Sylvester und Gertrude treten aus dem Tore.)

Sylvester.
Es war Jeronimus' Entsetzensstimme,
Nicht Agnes. – – O mein Gott!
(Er wendet sich schmerzvoll.)

Gertrude.                                         O meine Tochter,
Mein einzig Kind, mein letztes. –

Jeronimus.                                             Schafft nur Hülfe,
Ermordet ist sie nicht.

Gertrude.                             Sie rührt sich – horch?
Sie atmet – ja sie lebt, sie lebt!

Sylvester.                                           Lebt sie?
Und unverwundet?

Jeronimus.                     Eben wars noch Zeit,
Er zückte schon den Dolch auf sie, da hieb
Ich den Unwürdgen nieder.

Gertrude.                                     Ist er nicht
Aus Rossitz?

Jeronimus.           Frage nicht, du machst mich schamrot, – ja.

Sylvester. Gib mir die Hand, Jerome, wir verstehn
Uns.

Jeronimus. Wir verstehn uns.

Gertrude.                                 Sie erwacht, o seht,
Sie schlägt die Augen auf, sie sieht mich an.

Agnes.
Bin ich von dem Entsetzlichen erlöst?

Gertrude.
Hier liegt er tot am Boden, fasse dich.

Agnes.
Getötet? Und um mich? Ach, es ist gräßlich. –

Gertrude.
Jerome hat den Mörder hingestreckt.

Agnes.
Er folgte mir weit her aus dem Gebirge,
– Mich faßte das Entsetzen gleich, als ich
Von weitem nur ihn in das Auge faßte.
Ich eilte – doch ihn trieb die Mordsucht schneller
Als mich die Angst – und hier ergriff er mich.

Sylvester.
Und zückt' er gleich den Dolch? Und sprach er nicht?
Kannst du dich dessen nicht entsinnen mehr?

Agnes.
So kaum – denn vor sein fürchterliches Antlitz
Entflohn mir alle Sinne fast. Er sprach,
– Gott weiß, mir schiens fast, wie im Wahnsinn – sprach
Von Liebe – daß er mich vergöttre – nannte
Bald eine Heilge mich, bald eine Leiche.
Dann zog er plötzlich jenen Dolch, und bittend,
Ich möchte, ich, ihn töten, zückt' er ihn
Auf mich. –

Sylvester.             Lebt er denn noch? Er scheint verwundet bloß,
Sein Aug ist offen. (Zu den Leuten.) Tragt ihn in das Schloß,
Und ruft den Wundarzt. (Sie tragen ihn fort.) Einer komme wieder
Und bring mir Nachricht.

Gertrude.                                 Aber, meine Tochter,
Wie konntest du so einsam und so weit
Dich ins Gebirge wagen?

Agnes.                                         Zürne nicht,
Es war mein Lieblingsweg.

Gertrude.                                     Und noch so lange
Dich zu verweilen!

Agnes.                             Einen Ritter traf
Ich, der mich aufhielt.

Gertrude.                             Einen Ritter? Sieh
Wie du in die Gefahr dich wagst! Kanns wohl
Ein andrer sein fast, als ein Rossitzscher?

Agnes.
– Glaubst du, es sei ein Rossitzscher?

Jeronimus.                                                   Ich weiß,
Daß Ottokar oft ins Gebirge geht.

Agnes.
Meinst du den –?

Jeronimus.                   Ruperts ältsten Sohn.
– Kennst du ihn nicht?

Agnes.                                   Ich hab ihn nie gesehen.

Jeronimus.
Ich habe sichre Proben doch, daß er
Dich kennt?

Agnes.                 Mich?

Gertrude.                     Unsre Agnes? Und woher?
Jeronimus. Wenn ich nicht irre, sah ich einen Schleier,
Den du zu tragen pflegst, in seiner Hand.

Agnes (verbirgt ihr Haupt an die Brust ihrer Mutter).
Ach, Mutter. –

Gertrude.                 O um Gotteswillen, Agnes,
Sei doch auf deiner Hut. – Er kann dich mit
Dem Apfel, den er dir vom Baume pflückt,
Vergiften.

Jeronimus.         Nun, das möcht ich fast nicht fürchten
Vielmehr – Allein wer darf der Schlange traun.
Er hat beim Nachtmahl ihr den Tod geschworen.

Agnes.                                                                           Mir?
Den Tod?

Jeronimus.       Ich hab es selbst gehört.

Gertrude.                                               Nun sieh,
Ich werde wie ein Kind dich hüten müssen.
Du darfst nicht aus den Mauern dieser Burg,
Darfst nicht von deiner Mutter Seite gehn.

Ein Diener (tritt auf).
Gestrenger Herr, der Mörder ist nicht tot.
Der Wundarzt sagt, die Wunde sei nur leicht.

Sylvester.
Ist er sich sein bewußt?

Ein Diener.                             Herr, es wird keiner klug
Aus ihm. Denn er spricht ungehobelt Zeug,
Wild durcheinander, wie im Wahnwitz fast.

Jeronimus.
Es ist Verstellung offenbar.

Sylvester.                                     Kennst du
Den Menschen?

Jeronimus.                 Weiß nur so viel, daß sein Namen
Johann, und er ein unecht Kind des Rupert,
– Daß er den Ritterdienst in Rossitz lernte,
Und gestern früh das Schwert empfangen hat.

Sylvester.
Das Schwert empfangen, gestern erst – und heute
Wahnsinnig – sagtest du nicht auch, er habe
Beim Abendmahl den Racheschwur geleistet?

Jeronimus.
Wie alle Diener Ruperts, so auch er.

Sylvester.
Jeronimus, mir wird ein böser Zweifel
Fast zur Gewißheit, fast. – Ich hätts entschuldigt,
Daß sie Verdacht auf mich geworfen, daß
Sie Rache mir geschworen, daß sie Fehde
Mir angekündigt – ja hätten sie
Im Krieg mein Haus verbrannt, mein Weib und Kind
Im Krieg erschlagen, noch wollt ichs entschuldgen.
Doch daß sie mir den Meuchelmörder senden,
– Wenns so ist –

Gertrude.                     Ists denn noch ein Zweifel? Haben
Sie uns nicht selbst die Probe schon gegeben?

Sylvester.
Du meinst an Philipp –?

Gertrude.                                 Endlich siehst dus ein!
Du hast mirs nie geglaubt, hast die Vermutung,
Gewißheit, wollt ich sagen, stets ein Deuteln
Der Weiber nur genannt, die, weil sies einmal
Aus Zufall treffen, nie zu fehlen wähnen.
Nun weißt dus besser. – Nun, ich könnte dir
Wohl mehr noch sagen, das dir nicht geahndet. –

Sylvester.
Mehr noch?

Gertrude.             Du wirst dich deines Fiebers vor
Zwei Jahren noch erinnern. Als du der
Genesung nahtest, schickte dir Eustache
Ein Fläschchen eingemachten Ananas.

Sylvester.
Ganz recht, durch eine Reutersfrau aus Rossitz.

Gertrude.
Ich bat dich unter falschem Vorwand, nicht
Von dem Geschenke zu genießen, setzte
Dir selbst ein Fläschchen vor aus eignem Vorrat
Mit eingemachtem Pfirsich – aber du
Bestandst darauf, verschmähtest meine Pfirsich,
Nahmst von der Ananas, und plötzlich folgte
Ein heftiges Erbrechen. –

Sylvester.                                 Das ist seltsam;
Denn ich besinne mich noch eines Umstands –
– Ganz recht. Die Katze war mir übers Fläschchen
Mit Ananas gekommen, und ich ließ
Von Agnes mir den Pfirsich reichen. – Nicht?
Sprich, Agnes.

Agnes.                     Ja, so ist es.

Sylvester.                                     Ei, so hätte
Sich seltsam ja das Blatt gewendet. Denn
Die Ananas hat doch der Katze nicht
Geschadet, aber mir dein Pfirsich, den
Du selbst mir zubereitet –?

Gertrude.                                   – Drehen freilich
Läßt alles sich. –

Sylvester.                     Meinst du? Nun sieh, das mein
Ich auch, und habe recht, wenn ich auf das,
Was du mir drehst, nicht achte. – Nun, genug.
Ich will mit Ernst, daß du von Philipp schweigst.
Er sei vergiftet oder nicht, er soll
Gestorben sein und weiter nichts. Ich wills.

Jeronimus.
Du solltst, Sylvester, doch den Augenblick
Der jetzt dir günstig scheinet, nützen. Ist
Der Totschlag Peters ein Betrug, wie es
Fast sein muß, so ist auch Johann darin
Verwebt.

Sylvester.         Betrug? Wie wär das möglich?

Jeronimus.
Ei möglich wär es wohl, daß Ruperts Sohn,
Der doch ermordet sein soll, bloß gestorben,
Und daß, von der Gelegenheit gereizt,
Den Erbvertrag zu seinem Glück zu lenken,
Der Vater es verstanden, deiner Leute,
Die just vielleicht in dem Gebirge waren,
In ihrer Unschuld so sich zu bedienen,
Daß es der Welt erscheint, als hätten wirklich
Sie ihn ermordet – um mit diesem Scheine
Des Rechts sodann den Frieden aufzukünden,
Den Stamm von Warwand auszurotten, dann
Das Erbvermächtnis sich zu nehmen.

Sylvester.                                                     – Aber
Du sagtest ja, der eine meiner Leute
Hätts in dem Tode noch bekannt, er wäre
Von mir gedungen zu dem Mord.

(Stillschweigen.)

Jeronimus.
Der Mann, den ich gesprochen, hatte nur
Von dem Gefolterten ein Wort gehört.

Sylvester.
Das war?

Jeronimus.     Sylvester.
(Stillschweigen.)     Hast du denn die Leute,
Die sogenannten Mörder nicht vermißt?
Von ihren Hinterlaßnen müßte sich
Doch mancherlei erforschen lassen.

Sylvester (zu den Leuten).                         Rufe
Den Hauptmann einer her!

Jeronimus.                                 Von wem ich doch
Den meisten Aufschluß hoffe, ist Johann.

Sylvester.
'S ist auch kein sichrer.

Jeronimus.                             Wie? Wenn er es nicht
Gestehen will, macht mans wie die von Rossitz,
Und wirft ihn auf die Folter.

Sylvester.                                     Nun? Und wenn
Er dann gesteht, daß Rupert ihn gedungen?

Jeronimus.
So ists heraus, so ists am Tage. –

Sylvester.                                             So?
Dann freilich bin ich auch ein Mörder.

(Stillschweigen.)

Jeronimus.
Aus diesem Wirrwarr finde sich ein Pfaffe!
Ich kann es nicht.

Sylvester.                     Ich bin dir wohl ein Rätsel?
Nicht wahr? Nun, tröste dich, Gott ist es mir.

Jeronimus.
Sag kurz, was willst du tun?

Sylvester.                                     Das beste wär
Noch immer, wenn ich Rupert sprechen könnte.

Jeronimus.
– 's ist ein gewagter Schritt. Bei seiner Rede
Am Sarge Peters schien kein menschliches,
Kein göttliches Gesetz ihm heilig, das
Dich schützt.

Sylvester.             Es wäre zu versuchen. Denn
Es wagt ein Mensch oft den abscheulichen
Gedanken, der sich vor der Tat entsetzt.

Jeronimus.
Er hat dir heut das Beispiel nicht gegeben.

Sylvester.
Auch diese Untat, wenn sie häßlich gleich,
Doch ists noch zu verzeihn, Jeronimus.
Denn schwer war er gereizt. – Auf jeden Fall
Ist mein Gesuch so unerwarteter;
Und öfters tut ein Mensch, was man kaum hofft,
Weil mans kaum hofft.

Jeronimus.                           Es ist ein blinder Griff,
Man kann es treffen.

Sylvester.                         Ich wills wagen. Reite
Nach Rossitz, fordre sicheres Geleit,
Ich denke, du hast nichts zu fürchten.

Jeronimus.                                                 – Nein;
Ich wills versuchen. (Ab ins Tor.)

Sylvester.                         So leb wohl.

Gertrude.                                             Leb wohl,
Und kehre bald mit Trost zu uns zurück.

(Sylvester, Gertrude und Agnes folgen.)

Agnes (hebt im Abgehen den Dolch auf).
Es gibt keinen. –

Gertrude (erschrocken).
Den Dolch – er ist vergiftet, Agnes, kann
Vergiftet sein. – Wirf gleich, sogleich ihn fort.
(Agnes legt ihn nieder.)
Du sollst mit deinen Händen nichts ergreifen,
Nichts fassen, nichts berühren, das ich nicht
Mit eignen Händen selbst vorher geprüft.

(Alle ab. Der Vorhang fällt.)

Dritter Aufzug

Erste Szene

Gegend im Gebirge. Agnes sitzt im Vordergrunde der Höhle in der Stellung der Trauer. Ottokar tritt auf, und stellt sich ungesehen nahe der Höhle. Agnes erblickt ihn, tut einen Schrei, springt auf und will entfliehen.

Agnes (da sie sich gesammelt hat).
Du bists. –

Ottokar.             Vor mir erschrickst du?

Agnes.                                                       Gott sei Dank.

Ottokar.
Und wie du zitterst. –

Agnes.                                 Ach es ist vorüber.

Ottokar.
Ists wirklich wahr, vor mir wärst du erschrocken?

Agnes.
Es ist mir selbst ein Rätsel. Denn soeben
Dacht ich noch dran, und rief den kühnen Mut,
Die hohe Kraft, die unbezwingliche
Standhaftigkeit herbei, mir beizustehn
– Und doch ergriffs mich, wie unvorbereitet,
– – Nun, ists vorbei. –

Ottokar.                               O Gott des Schicksals! Welch ein schönes,
Welch ruhiges Gemüt hast du gestört!

Agnes.
– Du hast mich herbestellt, was willst du?

Ottokar.                                                             Wenn
Ichs dir nun sage, kannst du mir vertraun,
Maria?

Agnes.         Warum nennst du mich Maria?

Ottokar.
Erinnern will ich dich mit diesem Namen
An jenen schönen Tag, wo ich dich taufte.
Ich fand dich schlafend hier in diesem Tale,
Das einer Wiege gleich dich bettete.
Ein schützend Flordach webten dir die Zweige,
Es sang der Wasserfall ein Lied, wie Federn
Umwehten dich die Lüfte, eine Göttin
Schien dein zu pflegen. – Da erwachtest du,
Und blicktest wie mein neugebornes Glück
Mich an. – Ich fragte dich nach deinem Namen;
Du seist noch nicht getauft, sprachst du. – Da schöpfte
Ich eine Hand voll Wasser aus dem Quell,
Benetzte dir die Stirn, die Brust, und sprach:
Weil du ein Ebenbild der Mutter Gottes,
Maria tauf ich dich.
(Agnes wendet sich bewegt.)
                                Wie war es damals
Ganz anders, so ganz anders. Deine Seele
Lag offen vor mir, wie ein schönes Buch,
Das sanft zuerst den Geist ergreift, dann tief
Ihn rührt, dann unzertrennlich fest ihn hält.
Es zieht des Lebens Forderung den Leser
Zuweilen ab, denn das Gemeine will
Ein Opfer auch; doch immer kehrt er wieder
Zu dem vertrauten Geist zurück, der in
Der Göttersprache ihm die Welt erklärt,
Und kein Geheimnis ihm verbirgt, als das
Geheimnis nur von seiner eignen Schönheit,
Das selbst ergründet werden muß.
                                                        Nun bist
Du ein verschloßner Brief. –

Agnes (wendet sich zu ihm).           Du sagtest gestern,
Du wolltest mir etwas vertraun.

Ottokar.                                             Warum
Entflohest du so schleunig?

Agnes.                                         Das fragst du?

Ottokar.
Ich kann es fast erraten – vor dem Jüngling,
Der uns hier überraschte; denn ich weiß,
Du hassest alles, was aus Rossitz ist.

Agnes.
Sie hassen mich.

Ottokar.                     Ich kann es fast beschwören,
Daß du dich irrst. – Nicht alle wenigstens;
Zum Beispiel für den Jüngling steh ich.

Agnes.                                                             Stehst du. –

Ottokar.
Ich weiß, daß er dich heftig liebt. –

Agnes.                                                       Mich liebt. –

Ottokar.
Denn er ist mein vertrauter Freund. –

Agnes.                                                         Dein Freund –?

Ottokar.
– Was fehlt dir, Agnes?

Agnes.                                     Mir wird übel.
(Sie setzt sich.)

Ottokar.                                                           Welch
Ein Zufall – wie kann ich dir helfen?

Agnes.                                                         Laß
Mich einen Augenblick. –

Ottokar.                                     Ich will dir Wasser
Aus jener Quelle schöpfen. (Ab.)

Agnes (steht auf).                         Nun ists gut.
Jetzt bin ich stark. Die Krone sank ins Meer,
Gleich einem nackten Fürsten werf ich ihr
Das Leben nach. Er bringe Wasser, bringe
Mir Gift, gleichviel, ich trink es aus, er soll
Das Ungeheuerste an mir vollenden.
(Sie setzt sich.)

Ottokar (kommt mit Wasser in dem Hute).
Hier ist der Trunk – fühlst du dich besser?

Agnes.                                                                 Stärker
Doch wenigstens.

Ottokar.                       Nun, trinke doch. Es wird
Dir wohltun.

Agnes.                   Wenns nur nicht zu kühl.

Ottokar.                                                       Es scheint
Mir nicht.

Agnes.             Versuchs einmal.

Ottokar.                                       Wozu? Es ist
Nicht viel.

Agnes.               – Nun, wie du willst, so gib.

Ottokar.                                                           Nimm dich
In acht, verschütte nichts.

Agnes.                                       Ein Tropfen ist
Genug. (Sie trinkt, wobei sie ihn unverwandt ansieht.)

Ottokar.       Wie schmeckt es dir?

Agnes.                                             's ist kühl.
(Sie schauert.)

Ottokar.                                                             So trinke
Es aus.

Agnes.         Soll ichs ganz leeren?

Ottokar.                                         Wie du willst,
Es reicht auch hin.

Agnes.                             Nun, warte nur ein Weilchen,
Ich tue alles, wie dus willst.

Ottokar.                                         Es ist
So gut, wie Arzenei.

Agnes.                               Fürs Elend.

Ottokar.                                                 – Wie?

Agnes.
Nun, setz dich zu mir, bis mir besser worden.
Ein Arzt, wie du, dient nicht für Geld, er hat
An der Genesung seine eigne Freude.

Ottokar.
Wie meinst du das – für Geld –

Agnes.                                                 Komm, laß uns plaudern,
Vertreibe mir die Zeit, bis ichs vollendet,
Du weißt, es sind Genesende stets schwatzhaft.

Ottokar.
– Du scheinst so seltsam mir verändert –

Agnes.                                                               Schon?
Wirkt es so schnell! So muß ich, was ich dir
Zu sagen habe, wohl beschleunigen.

Ottokar.
Du mir zu sagen –

Agnes.                           Weißt du, wie ich heiße?

Ottokar.
Du hast verboten mir, danach zu forschen.

Agnes.
Das heißt, du weißt es nicht. Meinst du,
Daß ich dirs glaube?

Ottokar.                             Nun, ich wills nicht leugnen. –

Agnes.
Wahrhaftig? Nun ich weiß auch, wer du bist!

Ottokar.
Nun?

Agnes.       Ottokar von Schroffenstein.

Ottokar.                                                 Wie hast
Du das erfahren?

Agnes.                         Ist gleichviel. Ich weiß noch mehr.
Du hast beim Abendmahle mir den Tod
Geschworen.

Ottokar.               Gott! O Gott!

Agnes.                                         Erschrick doch nicht.
Was macht es aus, ob ichs jetzt weiß? Das Gift
Hab ich getrunken, du bist quitt mit Gott.

Ottokar.
Gift?

Agnes.     Hier ists übrige, ich will es leeren.

Ottokar.
Nein, halt! – Es ist genug für dich. Gib mirs,
Ich sterbe mit dir. (Er trinkt.)

Agnes.                           Ottokar!
(Sie fällt ihm um den Hals.)
                                            Ottokar!
O wär es Gift, und könnt ich mit dir sterben!
Denn ist es keins, mit dir zu leben, darf
Ich dann nicht hoffen, da ich so unwürdig
An deiner Seele mich vergangen habe.

Ottokar.
Willst dus?

Agnes.                 Was meinst du?

Ottokar.                                         Mit mir leben?
Fest an mir halten? Dem Gespenst des Mißtrauns,
Das wieder vor mir treten könnte, kühn
Entgegenschreiten? Unabänderlich,
Und wäre der Verdacht auch noch so groß,
Dem Vater nicht, der Mutter nicht so traun,
Als mir?

Agnes.             O Ottokar! Wie sehr beschämst
Du mich.

Ottokar.         Willst dus? Kann ich dich ganz mein nennen?

Agnes.
Ganz deine, in der grenzenlosesten
Bedeutung.

Ottokar.             Wohl, das steht nun fest und gilt
Für eine Ewigkeit. Wir werdens brauchen.
Wir haben viel einander zu erklären,
Viel zu vertraun. – Du weißt mein Bruder ist –
Von deinem Vater hingerichtet.

Agnes.                                               Glaubst dus?

Ottokar.
Es gilt kein Zweifel, denk ich, denn die Mörder
Gestandens selbst.

Agnes.                             So mußt dus freilich glauben.

Ottokar.
Und nicht auch du?

Agnes.                           Mich überzeugt es nicht.
Denn etwas gibts, das über alles Wähnen,
Und Wissen hoch erhaben – das Gefühl
Ist es der Seelengüte andrer.

Ottokar.                                         Höchstens
Gilt das für dich. Denn nicht wirst du verlangen,
Daß ich mit deinen Augen sehen soll.

Agnes.
Und umgekehrt.

Ottokar.                     Wirst nicht verlangen, daß
Ich meinem Vater weniger, als du
Dem deinen, traue.

Agnes.                             Und so umgekehrt.

Ottokar.
O Agnes, ist es möglich? Muß ich dich
So früh schon mahnen? Hast du nicht versprochen,
Mir deiner heimlichsten Gedanken keinen
Zu bergen? Denkst du, daß ich darum dich
Entgelten lassen werde, was dein Haus
Verbrach? Bist du dein Vater denn?

Agnes.                                                       So wenig,
Wie du der deinige – sonst würd ich dich
In Ewigkeit wohl lieben nicht.

Ottokar.                                           Mein Vater?
Was hat mein Vater denn verbrochen? Daß
Die Untat ihn empört, daß er den Tätern
Die Fehde angekündigt, ists zu tadeln?
Mußt ers nicht fast?

Agnes.                             Ich wills nicht untersuchen.
Er war gereizt, 's ist wahr. Doch daß er uns
Das Gleiche, wie er meint, mit Gleichem gilt,
Und uns den Meuchelmörder schickt, das ist
Nicht groß, nicht edel.

Ottokar.                               Meuchelmörder? Agnes!

Agnes.
Nun, das ist, Gott sei Dank, nicht zu bezweifeln,
Denn ich erfuhr es selbst an meinem Leibe.
Er zückte schon den Dolch, da hieb Jerome
Ihn nieder – und er liegt nun krank in Warwand.

Ottokar. Wer tat das?

Agnes.                         Nun, ich kann dir jetzt ein Beispiel
Doch geben, wie ich innig dir vertrauen
Der Mörder ist dein Freund.

Ottokar.                                         Mein Freund?

Agnes.                                                                 Du nanntest
Ihn selbst so, und das war es, was vorher
Mich irrte.

Ottokar.             's ist wohl möglich nicht – Johann?

Agnes.                                                                         Derselbe,
Der uns auf diesem Platze überraschte.

Ottokar.
O Gott, das ist ein Irrtum – sieh, das weiß,
Das weiß ich.

Agnes.                     Ei, das ist doch seltsam. Soll
Ich nun mit deinen Augen sehn?

Ottokar.                                             Mein Vater!
Ein Meuchelmörder! Ist er gleich sehr heftig,
Nie hab ich anders doch ihn, als ganz edel
Gekannt.

Agnes.             Soll ich nun deinem Vater mehr,
Als du dem meinen traun?

(Stillschweigen.)

Ottokar.                                     In jedem Falle,
War zu der Tat Johann von meinem Vater
Gedungen nicht.

Agnes.                         Kann sein. Vielleicht so wenig,
Wie von dem meinigen die Leute, die
Den Bruder dir erschlugen.

(Stillschweigen.)

Ottokar.                                     Hätte nur
Jeronimus in seiner Hitze nicht
Den Menschen mit dem Schwerte gleich verwundet
Es hätte sich vielleicht das Rätsel gleich
Gelöst.

Agnes.         Vielleicht – so gut, wie wenn dein Vater
Die Leute nicht erschlagen hätte, die
Er bei der Leiche deines Bruders fand.

(Stillschweigen.)

Ottokar.
Ach, Agnes, diese Tat ist nicht zu leugnen,
Die Mörder habens ja gestanden. –

Agnes.                                                       Nun,
Wer weiß, was noch geschieht. Johann ist krank,
Er spricht im Fieber manchen Namen aus,
Und wenn mein Vater rachedürstend wäre,
Er könnte leicht sich einen wählen, der
Für sein Bedürfnis taugt.

Ottokar.                                 O Agnes! Agnes!
Ich fange an zu fürchten fast, daß wir
Doch deinem Vater wohl zu viel getan.

Agnes.
Sehr gern nehm ichs, wie all die Meinigen,
Zurück, wenn wir von deinem falsch gedacht.

Ottokar.
Für meinen steh ich.

Agnes.                                 So, wie ich, für meinen.

Ottokar.
Nun wohl, 's ist abgetan. Wir glauben uns.
– O Gott, welch eine Sonne geht mir auf!
Wenns möglich wäre, wenn die Väter sich
So gern, so leicht, wie wir, verstehen wollten!
– Ja könnte man sie nur zusammenführen!
Denn einzeln denkt nur jeder seinen einen
Gedanken, käm der andere hinzu,
Gleich gäbs den dritten, der uns fehlt.
– Und schuldlos, wie sie sind, müßt ohne Rede
Sogleich ein Aug das andere verstehn.
– Ach, Agnes, wenn dein Vater sich entschlösse!
Denn kaum erwarten läßts von meinem sich.

Agnes.
Kann sein, er ist schon auf dem Wege.

Ottokar.                                                         Wie?
Er wird doch nicht? Unangefragt, und ohne
Die Sicherheit des Zutritts?

Agnes.                                         Mit dem Herold
Gleich wollt er fort nach Rossitz.

Ottokar.                                                 – O das spricht
Für deinen Vater weit, weit besser, als
Das Beste für den meinen. –

Agnes.                                             Ach, du solltest
Ihn kennen, ihn nur einmal handeln sehn!
Er ist so stark und doch so sanft. – Er hat es längst
Vergeben. –

Ottokar.                 Könnt ich das von meinem sagen!
Denn niemals hat die blinde Rachsucht, die
Ihn zügellos-wild treibt, mir wohlgetan.
Ich fürchte viel von meinem Vater, wenn
Der deinige unangefragt erscheint.

Agnes.
Nun, das wird jetzt wohl nicht geschehn, ich weiß,
Jeronimus wird ihn euch melden.

Ottokar.                                                 Jerome?
Der ist ja selbst nicht sicher.

Agnes.                                             Warum das?

Ottokar.
Wenn er Johann verwundet hat, in Warwand
Verwundet hat, das macht den Vater wütend.

Agnes.
– Es muß ein böser Mensch doch sein, dein Vater.

Ottokar.
Auf Augenblicke, ja. –

Agnes.                                   So solltest du
Doch lieber gleich zu deinem Vater eilen,
Zu mildern wenigstens, was möglich ist.

Ottokar.
Ich mildern? Meinen Vater? Gute Agnes,
Er trägt uns, wie die See das Schiff, wir müssen
Mit seiner Woge fort, sie ist nicht zu
Beschwören. – Nein ich wüßte wohl was Bessers.
– Denn fruchtlos ist doch alles, kommt der Irrtum
Ans Licht nicht, der uns neckt. – Der eine ist,
Von jenem Anschlag auf dein Leben, mir
Schon klar. – Der Jüngling war mein Freund, um seine
Geheimste Absicht kann ich wissen. – Hier
Auf dieser Stelle, eifersuchtgequält,
Reizt' er mit bittern Worten mich, zu ziehen
– Nicht mich zu morden, denn er sagt' es selbst,
Er wolle sterben.

Agnes.                         Seltsam! Gerade das
Sagt' er mir auch.

Ottokar.                       Nun sieh, so ists am Tage.

Agnes.
Das seh ich doch nicht ein – er stellte sich
Wahnsinnig zwar, drang mir den Dolch auf, sagte,
Als ich mich weigerte, ich hätt ihm einen
Schon in das Herz gedrückt. –

Ottokar.                                           Nun, das brauch ich
Wohl dir nicht zu erklären. –

Agnes.                                             Wie?

Ottokar.                                                     Sagt ich
Dir nicht, daß er dich heftig liebe?

Agnes.                                                     – O
Mein Gott, was ist das für ein Irrtum. – Nun
Liegt er verwundet in dem Kerker, niemand
Pflegt seiner, der ein Mörder heißt, und doch
Ganz schuldlos ist. – Ich will sogleich auch gehen.

Ottokar.
Nur einen Augenblick noch. – So wie einer,
Kann auch der andre Irrtum schwinden. – Weißt
Du, was ich tun jetzt werde? Immer ists
Mir aufgefallen, daß an beiden Händen
Der Bruderleiche just derselbe Finger,
Der kleine Finger fehlte. – Mördern, denk
Ich, müßte jedes andre Glied fast wichtger
Doch sein, als just der kleine Finger. Läßt
Sich was erforschen, ists nur an dem Ort
Der Tat. Den weiß ich. Leute wohnen dort,
Das weiß ich auch. – Ja recht, ich gehe hin.

Agnes.
So lebe wohl denn.

Ottokar.                         Eile nur nicht so;
Wird dir Johann entfliehn? – Nun pfleg ihm nur,
Und sag ihm, daß ich immer noch sein Freund.

Agnes.
Laß gut sein, werd ihn schon zu trösten wissen,

Ottokar.
Wirst du? Nun einen Kuß will ich ihm gönnen.

Agnes.
Den andern gibt er mir zum Dank.

Ottokar.                                                 Den dritten
Krieg ich zum Lohn für die Erlaubnis.

Agnes.                                                           Von
Johann?

Ottokar.         Das ist der vierte.

Agnes.                                         Ich versteh
Versteh schon. Nein, daraus wird nichts.

Ottokar.                                                           Nun gut;
Das nächstemal geb ich dir Gift.

Agnes (lacht).                                       Frisch aus
Der Quelle, du trinkst mit.

Ottokar (lacht).                         Sind wir
Nicht wie die Kinder? Denn das Schicksal zieht
Gleich einem strengen Lehrer, kaum ein freundlich
Gesicht, sogleich erhebt der Mutwill wieder
Sein keckes Haupt.

Agnes.                             Nun bin ich wieder ernst,
Nun geh ich.

Ottokar.               Und wann kehrst du wieder?

Agnes.                                                               Morgen.

(Ab von verschiedenen Seiten.)

Zweite Szene

Rossitz. Ein Zimmer im Schlosse.
Rupert, Santing und Eustache treten auf

Rupert. Erschlagen, sagst du?

Eustache.                                 Ja, so spricht das Volk.

Rupert.
Das Volk – ein Volk von Weibern wohl?

Eustache.                                                           Mir hats
Ein Mann bekräftigt.

Rupert.                              Hats ein Mann gehört?

Santing.
Ich habs gehört, Herr, und ein Mann, ein Wandrer,
Der her aus Warwand kam, hats mitgebracht.

Rupert.
Was hat er mitgebracht?

Santing.                                   Daß dein Johann
Erschlagen sei.

Eustache.                  Nicht doch, Santing, er sagte
Nichts von Johann, vom Herold sagt' er das.

Rupert.
Wer von euch beiden ist das Weib?

Santing.                                                     Ich sage,
Johann; und ists der Herold, wohl, so steckt
Die Frau ins Panzerhemd, mich in den Weibsrock.

Rupert.
Mit eignen Ohren will ichs hören. Bringt
Den Mann zu mir.

Santing.                       Ich zweifle, daß er noch
Im Ort.

Eustache (sieht ihn an). Er ist im Hause.

Rupert.                                                     Einerlei.
Bringt ihn.

(Santing und Eustache ab.)

Rupert (pfeift; zwei Diener erscheinen).
                  Ruft gleich den Grafen Ottokar!

Ein Diener.
Es soll geschehn, Herr. (Bleibt stehen,)

Rupert.                                  Nun? was willst du?

Der Diener.                                                             Herr,
Wir haben eine Klingel hier gekauft,
Und bitten dich, wenn du uns brauchst, so klingle.
(Er setzt die Klingel auf den Tisch.)

Rupert.
's ist gut.

Der Diener.     Wir bitten dich darum, denn wenn
Du pfeifst, so springt der Hund jedwedes Mal
Aus seinem Ofenloch, und denkt, es gelte ihm.

Rupert. – 's ist gut.

(Diener ab. Eustache und ein Wanderer treten auf)

Eustache.                 Hier ist der Mann. – Hör es nun selbst,
Ob ich dir falsch berichtet.

Rupert.                                       Wer bist du, mein Sohn?

Der Wanderer.
Bin Hans Franz Flanz von Namen, Untertan
Aus deiner Herrschaft, komm vom Wandern in
Die Heimat heut zurück.

Rupert.                                    Du warst in Warwand;
Was sahst du da?

Der Wanderer.           Sie haben deinen Herold
Erschlagen.

Rupert.               Wer tat es?

Der Wanderer.                     Herr, die Namen gingen
Auf keine Eselshaut. Es waren an
Die Hundert über einen, alle Graf
Sylvesters Leute.

Rupert.                        War Sylvester selbst dabei?

Der Wanderer.
Er tat, als wüßt ers nicht, und ließ sich bei
Der Tat nicht sehen. Nachher, als die Stücken
Des Herolds auf dem Hofe lagen, kam er
Herunter.

Rupert.           Und was sagt' er da?

Der Wanderer.                                Er schalt und schimpfte
Die Täter tüchtig aus, es glaubt' ihm aber keiner.
Denn 's dauerte nicht lang, so nannt er seine
Getreuen Untertanen sie.

Rupert (nach einer Pause).
O listig ist die Schlange – 's ist nur gut,
Daß wir das wissen, denn so ist sies nicht
Für uns.

Eustache (zum Wanderer). Hat denn der Herold ihn beleidigt?

Rupert.
Beleidigen! Ein Herold? Der die Zange
Nur höchstens ist, womit ich ihn gekniffen.

Eustache.
So läßt sichs fast nicht denken, daß die Tat
Von ihm gestiftet; denn warum sollt er
So zwecklos dich noch mehr erbittern wollen?

Rupert.
Er setzet die Erfindungskraft vielleicht
Der Rache auf die Probe – nun wir wollen
Doch einen Henker noch zu Rate ziehen.

(Santing und ein zweiter Wanderer treten auf)

Santing.
Hier ist der Wandrer, Herr, er kann dir sagen,
Ob ich ein Weib, ob nicht.

Rupert(wendet sich).                 Es ist doch nicht
Die Höll in seinem Dienst –

Zweiter Wanderer.                       Ja, Herr, Johann
So heißt der Rittersmann, den sie in Warwand
Erschlagen. –

Rupert (dreht sich zu ihm, schnell). Und also wohl den Herold nicht?

Zweiter Wanderer.
Herr, das geschah früher.

Rupert (nach einer Pause).     Tretet ab – bleib du, Santing.

(Die Wanderer und Eustache ab.)

Rupert.
Du siehst die Sache ist ein Märchen. Kannst
Du selbst nicht an die Quelle gehn nach Warwand,
So glaub ichs keinem.

Santing.                               Herr, du hättst den Mann
Doch hören sollen. In dem Hause war,
Wo ich ihn traf, ein andrer noch, der ihm
Ganz fremd, und der die Nachricht mit den Worten
Fast sagt', als hätt er sie von ihm gelernt.

Rupert.
Der Herold, seis – das wollt ich glauben – doch
Johann! Wie käm denn der nach Warwand?

Santing.                                                                  Wie
Die Männer sprachen, hat er Agnes,
Sylvesters Tochter, morden wollen.

Rupert.                                                     Morden!
Ein Mädchen! Sind sie toll? Der Junge ist
Verliebt in alles, was in Weiberröcken.

Santing.
Er soll den Dolch auf sie gezückt schon haben,
Da kommt Jeronimus, und haut ihn nieder.

Rupert.
Jeronimus – wenns überhaupt geschehn,
Daß ers getan, ist glaublich, denn ich weiß,
Der graue Geck freit um die Tochter. – Glaubs
Trotz allem nicht, bis dus aus Warwand bringst.

Santing.
So reit ich hin – und kehr ich heut am Tage
Nach Rossitz nicht zurück, so ists ein Zeichen
Von meinem Tode auch.

Rupert.                                     Auf jeden Fall
Will ich den dritten sprechen, der dirs sagte.

Santing.
Herr, der liegt krank im Haus.

Rupert.                                             So führe mich zu ihm.

(Beide ab; Jeronimus und Eustache treten im Gespräch von der andern Seite auf)

Eustache.
Um Gotteswillen, Ritter –

Jeronimus.                                   Ihm den Mörder
Zu senden, der ihm hinterrücks die Tochter
Durchbohren soll, die Schuldlosreine, die
Mit ihrem Leben nichts verbrach, als dieses
Nur, daß just dieser Vater ihr es gab.

Eustache.
Du hörst mich nicht. –

Jeronimus.                          Was seid ihr besser denn
Als die Beklagten, wenn die Rache so
Unwürdig niedrig ist, als die Beleidigung?

Eustache.
Ich sag dir ja –

Jeronimus.                 Ist das die Weis in diesem
Zweideutig bösen Zwist dem Rechtgefühl
Der Nachbarn schleunig anzuweisen, wo
Die gute Sache sei? Nein, wahrlich, nein,
Ich weiß es nicht, und soll ichs jetzt entscheiden,
Gleich zu Sylvester wend ich mich, nicht euch.

Eustache.
So laß mich doch ein Wort nur sprechen – sind
Wir denn die Stifter dieser Tat?

Jeronimus.                                         Ihr nicht
Die Stifter? Nun, das nenn ich spaßhaft! Er,
Der Mörder, hat es selbst gestanden. –

Eustache.                                                       Wer
Hat es gestanden?

Jeronimus.                    Wer fragst du? Johann.

Eustache.
O welch ein Scheusal ist der Lügner. – Ich
Erstaun, Jeronimus, und wage kaum
Zu sagen, was ich von dir denke. Denn
Ein jedes unbestochnes Urteil müßte
Schnell frei uns sprechen.

Jeronimus.                                 Schnell? Da hast du unrecht.
Als ich Sylvester hörte, hab ich schnell
Im Geist entschieden, denn sehr würdig wies
Die Schuld er von sich, die man auf ihn bürdet.

Eustache.
Ists möglich, du nimmst ihn in Schutz?

Jeronimus.                                                     Haut mir
Die Hand ab, wenn ich sie meineidig hebe;
Unschuldig ist Sylvester!

Eustache.                                  Soll ich dir
Mehr glauben, als den Tätern, die es selbst
Gestanden?

Jeronimus.         Nun, das nenn ich wieder spaßhaft;
Denn glauben soll ich doch von euch, daß ihr
Unschuldig, ob es gleich Johann gestanden.

Eustache.
Nun über jedwedes Geständnis geht
Mein innerstes Gefühl doch. –

Jeronimus.                                       Gerad so spricht Sylvester,
Doch mit dem Unterschied, daß ichs ihm glaube.

Eustache.
Wenn jene Tat wie diese ist beschaffen –

Jeronimus.
Für jene, für Sylvesters Unschuld, steh ich.

Eustache.
Und nicht für unsre?

Jeronimus.                       Reinigt euch.

Eustache.                                                – Was hat
Der Knabe denn gestanden?

Jeronimus.                                   Sag mir erst,
Was hat der Mörder ausgesagt, den man
Gefoltert – wörtlich will ichs wissen.

Eustache.                                                     Ach,
Jeronimus, soll ich mich wahr dir zeigen,
Ich weiß es nicht. Denn frag ich, heißt es stets:
Er hats gestanden; will ichs wörtlich wissen,
So hat, vor dem Geräusch ein jeder nur,
Selbst Rupert nur ein Wort gehört: Sylvester.

Jeronimus.
Selbst Rupert? Ei, wenns nur dies Wort bedurfte
So wußte ers wohl schon vorher, nicht wahr?
So halb und halb?

Eustache.                       Gewiß hat ers vorher
Geahndet. –

Jeronimus.          Wirklich? Nun so war auch wohl
Dies Wort nicht nötig, und ihr hättet euch
Mit einem Blick genügt.

Eustache.                                 Ach, mir hats nie
Genügt – doch muß die Flagge wehn wohin
Der Wind. – Ich werde nie den Unglückstag
Vergessen – und es knüpft, du wirst es sehn,
Sich eine Zukunft noch von Unglück an.
– Nun sag mir nur, was hat Johann bekannt?

Jeronimus.
Johann? Dasselbe. Er hat euren Namen
Genannt.

Eustache.       Und weiter nichts?

Jeronimus.                                     Das wäre schon
Wenn nicht Sylvester edel wär, genug.

Eustache.
So glaubt ers also nicht?

Jeronimus.                              Er ist der einzge
In seinem Warwand fast, der euch entschuldigt.

Eustache.
– Ja, dieser Haß, der die zwei Stämme trennt,
Stets grundlos schien er mir, und stets bemüht
War ich, die Männer auszusöhnen – doch
Ein neues Mißtraun trennte stets sie wieder
Auf Jahre, wenn so kaum ich sie vereinigt.
– Nun, weiter hat Johann doch nichts bekannt.

Jeronimus.
Auch dieses Wort selbst sprach er nur im Fieber
– Doch wie gesagt, es wär genug.

Eustache.                                               So ist
Er krank?

Jeronimus.       Er phantasiert sehr heftig, spricht
Das Wahre und das Falsche durcheinander.
– Zum Beispiel, im Gebirge sei die Hölle
Für ihn, für Ottokar und Agnes doch
Der Himmel.

Eustache.              Nun, und was bedeutet das?

Jeronimus.
Ei, daß sie sich so treu wie Engel lieben.

Eustache.
Wie? Du erschreckst mich, Ottokar und Agnes?

Jeronimus.
Warum erschrickst du? Denk ich doch, du solltest
Vielmehr dich freun. Denn fast kein Minnesänger
Könnt etwas Besseres ersinnen, leicht
Das Wildverworrene euch aufzulösen,
Das Blutig-angefangne lachend zu
Beenden, und der Stämme Zwietracht ewig
Mit seiner Wurzel auszurotten, als
– Als eine Heirat.

Eustache.                       Ritter, du erweckst
Mir da Gedanken. – Aber wie? Man sagte,
– Wars ein Gerücht nur bloß? – du freitest selbst
Um Agnes?

Jeronimus.          Ja, 's ist wahr. Doch untersucht
Es nicht, ob es viel Edelmut, ob wenig
Beweise, daß ich deinem Sohn sie gönne,
– Denn kurz, das Mädel liebt ihn.

Eustache.                                               Aber sag
Mir nur, wie sie sich kennen lernten? Seit
Drei Monden erst ist Ottokar vom Hofe
Des Kaisers, dessen Edelknab er war,
Zurück. In dieser Zeit hat er das Mädchen,
In meinem Beisein mindstens nicht gesehn.

Jeronimus.
Doch nicht in deinem Beisein um so öfter.
Noch heute waren beid in dem Gebirge.

Eustache.
– Nun freilich, glücklich könnte sichs beschließen,
Sylvester also wär bereit?

Jeronimus.                                 Ich bin
Gewiß, daß er das Mädchen ihm nicht weigert,
Obschon von ihrer Lieb er noch nichts weiß.
– Wenn Rupert nur –

Eustache.                           's ist kaum zu hoffen, kaum,
– Versuchen will ichs. – Horch! Er kommt! Da ist er!

(Rupert und Santing treten auf; Rupert erblickt Jeronimus, erblaßt, kehrt um.)

Rupert (im Abgehen). Santing! (Beide ab.)

Jeronimus.
Was war das?

Eustache.               Hat er dich denn schon gesehen?

Jeronimus.
Absichtlich hab ich ihn vermieden, um
Mit dir vorher mich zu besprechen. – Wie
Es scheint, ist er sehr aufgebracht.

Eustache.                                                 Er ward
Ganz blaß als er dich sah – das ist ein Zeichen
Wie matte Wolkenstreifen stets für mich;
Ich fürchte einen bösen Sturm.

Jeronimus.                                         Weiß er
Denn, daß Johann von meiner Hand gefallen?

Eustache.
Noch wußt ers nicht, doch hat er eben jetzt
Noch einen dritten Wanderer gesprochen.

Jeronimus.
Das ist ein böser Strich durch meinen Plan.

Rupert (tritt auf).
Laß uns allein, Eustache.

Eustache (halblaut zu Jeronimus). Hüte dich,
Um Gotteswillen. (Ab.)

Jeronimus.                    Sei gegrüßet!

Rupert.                                                 Sehr
Neugierig bin ich zu erfahren, was
Zu mir nach Rossitz dich geführt. – Du kommst
Aus Warwand – nicht?

Jeronimus.                             Unmittelbar von Hause,
Doch war ich kürzlich dort.

Rupert.                                         So wirst du wissen,
Wir Vettern sind seit kurzer Zeit ein wenig
Schlimm übern Fuß gespannt. – Vielleicht hast du
Aufträg an mich, kommst im Geschäft des Friedens,
Stellst selbst vielleicht die heilige Person
Des Herolds vor -?

Jeronimus.                     Des Herolds? – Nein. Warum?
– Die Frag ist seltsam. – Als dein Gast komm ich.

Rupert.
Mein Gast – und hättst aus Warwand keinen Auftrag?

Jeronimus.
Zum mindsten keinen andern, dessen ich
Mich nicht als Freund des Hauses im Gespräch
Gelegentlich entledgen könnte.

Rupert.                                               Nun,
Wir brechen die Gelegenheit vom Zaune;
Sag an.

Jeronimus.   – Sylvester will dich sprechen.

Rupert.                                                             Mich;
Mich sprechen?

Jeronimus.                 Freilich seltsam ist die Fordrung,
Ja unerhört fast – dennoch gäbs ein Zeichen,
Ein sichres fast, von seiner Unschuld, wär
Es dieses.

Rupert.            Unschuld?

Jeronimus.                         Ja, mir ists ein Rätsel,
Wie dir, da es die Mörder selbst gestanden.
Zwar ein Geständnis auf der Folter ist
Zweideutig stets – auch war es nur ein Wort,
Das doch im Grunde stets sehr unbestimmt.
Allein, trotz allem, der Verdacht bleibt groß,
Und fast unmöglich scheints – zum wenigsten
Sehr schwer, doch sich davon zu reinigen.

Rupert.
Meinst du?

Jeronimus.         Doch, wie gesagt, er hälts für möglich.
Er glaubt, es steck ein Irrtum wo verborgen.

Rupert.
Ein Irrtum?

Jeronimus.          Den er aufzudecken, nichts
Bedürfe, als nur ein Gespräch mit dir.

Rupert.
– Nun, meinetwegen.

Jeronimus.                           Wirklich? Willst dus tun?

Rupert.
Wenn du ihn jemals wiedersehen solltest. –

Jeronimus.
– Jemals? Ich eile gleich zu ihm.

Rupert.                                                    So sags
Daß ich mit Freuden ihn erwarten würde.

Jeronimus.
O welche segensreiche Stunde hat
Mich hergeführt. – Ich reite gleich nach Warwand,
Und bring ihn her. – Möcht er dich auch so finden,
So freundlich, und so mild, wie ich. – Machs ihm
Nicht schwer, die Sache ist verwickelt, blutig
Ist die Entscheidung stets des Schwerts, und Frieden
Ist die Bedingung doch von allem Glück.
Willst du ihn nur unschuldig finden, wirst
Dus auch. – Ich glaubs, bei meinem Eid, ich glaubs,
Ich war wie du von dem Verdacht empört,
Ein einzger Blick auf sein ehrwürdig Haupt,
Hat schnell das Wahre mich gelehrt. –

Rupert.                                                         Dein Amt
Scheint aus, wenn ich nicht irre.

Jeronimus.                                          Nur noch zur
Berichtigung etwas von zwei Gerüchten,
Die bös verfälscht, wie ich fast fürchte, dir
Zu Ohren kommen möchten. –

Rupert.                                             Nun?

Jeronimus.                                                 Johann
Liegt krank in Warwand.

Rupert.                                     Auf den Tod, ich weiß.

Jeronimus.
Er wird nicht sterben.

Rupert.                               Wie es euch beliebt.

Jeronimus.
Wie?

Rupert.     Weiter – Nun, das andere Gerücht?

Jeronimus.
Ich wollt dir sagen noch, daß zwar Johann
Den Dolch auf Agnes –

Rupert.                                   Ich hatt ihn gedungen.

Jeronimus.
Wie sagst du?

Rupert.                   Könnts mir doch nichts helfen, wenn
Ichs leugnen wollte, da ers ja gestanden.

Jeronimus.
Vielmehr das Gegenteil – aus seiner Rede
Wird klar, daß dir ganz unbewußt die Tat.

Rupert.
Sylvester doch ist überzeugt, wie billig,
Daß ich so gut ein Mörder bin, wie er?

Jeronimus.
Vielmehr das Gegenteil – der Anschein hat
Das ganze Volk getäuscht, doch er bleibt stets
Unwandelbar und nennt dich schuldlos.

Rupert.
O List der Hölle, von dem bösesten
Der Teufel ausgeheckt!

Jeronimus.                             Was ist das? Rupert!

Rupert (faßt sich).
Das war das eine. – Nun, sprich weiter, noch
Ein anderes Gerücht wolltst du berichtgen.

Jeronimus.
Gib mir erst Kraft und Mut, gib mir Vertraun.

Rupert.
Sieh zu, wies geht – sag an.

Jeronimus.                                     Der Herold ist –

Rupert.
Erschlagen, weiß ich – doch Sylvester ist
Unschuldig an dem Blute.

Jeronimus.                                 Wahrlich, ja,
Er lag in Ohnmacht während es geschah.
Es hat ihn tief empört, er bietet jede
Genugtuung dir an, die du nur forderst.

Rupert.
Hat nichts zu sagen. –

Jeronimus.                          Wie?

Rupert.                                         Was ist ein Herold?

Jeronimus.
Du bist entsetzlich. –

Rupert.                                Bist du denn ein Herold? -?

Jeronimus.
Dein Gast bin ich, ich wiederhols. – Und wenn
Der Herold dir nicht heilig ist, so wirds
Der Gast dir sein.

Rupert.                         Mir heilig? Ja. Doch fall
Ich leicht in Ohnmacht.

Jeronimus.                             Lebe wohl. (Schnell ab.)

(Pause; Eustache stürzt aus dem Nebenzimmer herein.)

Eustache.
Um Gotteswillen, rette, rette (Sie öffnet das Fenster.) Alles
Fällt über ihn – Jeronimus! – das Volk
Mit Keulen – rette, rette ihn – sie reißen
Ihn nieder, nieder liegt er schon am Boden –
Um Gotteswillen, komm ans Fenster nur,
Sie töten ihn. – Nein wieder steht er auf,
Er zieht, er kämpft, sie weichen. – Nun, ists Zeit,
O Rupert, ich beschwöre dich. – Sie dringen
Schon wieder ein, er wehrt sich wütend. – Rufe
Ein Wort, um aller Heilgen willen nur
Ein Wort aus diesem Fenster. – – Ah! jetzt fiel
Ein Schlag – – er taumelt, Ah! noch einer. – – Nun
Ists aus. – Nun fällt er um. – Nun ist er tot. – –

(Pause; Eustache tritt vor Rupert.)

O welch entsetzliche Gelassenheit – –
– Es hätte dir ein Wort gekostet, nur
Ein Schritt bis zu dem Fenster, ja, dein bloßes
Gebieterantlitz hätte sie geschreckt. –
– Mög einst in jener bittern Stunde, wenn
Du Hülfe Gottes brauchest, Gott nicht säumen,
Wie du, mit Hülfe vor dir zu erscheinen.

Santing (tritt auf).
's ist abgetan, Herr.

Eustache.                         Abgetan? Wie sagst
Du, Santing – Rupert, abgetan?
(Rupert wendet sich verlegen.) O jetzt
Ists klar. – Ich Törin, die ich dich zur Rettung
Berief! – O pfui! Das ist kein schönes Werk,
Das ist so häßlich, so verächtlich, daß
Selbst ich, dein unterdrücktes Weib, es kühn
Und laut verachte. Pfui! O pfui! Wie du
Jetzt vor mir sitzest und es leiden mußt,
Daß ich in meiner Unschuld hoch mich brüste.
Denn über alles siegt das Rechtgefühl,
Auch über jede Furcht und jede Liebe,
Und nicht der Herr, der Gatte nicht, der Vater
Nicht meiner Kinder ist so heilig mir,
Daß ich den Richterspruch verleugnen sollte,
Du bist ein Mörder.

Rupert (steht auf).           Wer zuerst ihn tödlich
Getroffen hat, der ist des Todes!

Santing.                                                 Herr,
Auf dein Geheiß. –

Rupert.                           Wer sagt das?

Santing.                                                  's ist ein Faustschlag
Mir ins Gesicht.

Rupert.                      Stecks ein.
(Er pfeift; zwei Diener erscheinen.)
                                             Wo sind die Hunde wenn
Ich pfeife? – Ruft den Grafen auf mein Zimmer.

(Der Vorhang fällt.)

Vierter Aufzug

Erste Szene

Rossitz. Zimmer im Schlosse.
Rupert und Santing treten auf

Rupert.
Das eben ist der Fluch der Macht, daß sich
Dem Willen, dem leicht widerruflichen,
Ein Arm gleich beut, der fest unwiderruflich
Die Tat ankettet. Nicht ein Zehnteil würd
Ein Herr des Bösen tun, müßt er es selbst
Mit eignen Händen tun. Es heckt sein bloßer
Gedanke Unheil aus, und seiner Knechte
Geringster hat den Vorteil über ihn,
Daß er das Böse wollen darf.

Santing.                                           Ich kann
Das Herrschen dir nicht lehren, du nicht das
Gehorchen mir. Was Dienen ist, das weiß
Ich auf ein Haar. Befiehl, daß ich dir künftig
Nicht mehr gehorche, wohl, so will ich dir
Gehorchen.

Rupert.               Dienen! Mir gehorchen! Dienen!
Sprichst du doch wie ein Neuling. Hast du mir
Gedient? Soll ich dir erklären, was
Ein Dienst sei? Nützen, nützen, nützen soll er. – Was
Denn ist durch deinen mir geworden, als
Der Reue ekelhaft Gefühl?
                                            Es ist
Mir widerlich, ich wills getan nicht haben. –
Auf deine Kappe nimms – ich steck dich in
Den Schloßturm. –

Santing.                          Mich?

Rupert.                                      Kommst du heraus, das schöne
Gebirgslehn wird dir nicht entgehn.

(Eustache tritt auf)

Rupert (steht auf, zu Santing, halblaut).   Es bleibt
Dabei. In vierzehn Tagen bist du frei. (Zu Eustache.)
Was willst du?

Eustache.                 Stör ich?

Rupert (zu Santing).               Gehe! Meinen Willen
Weißt du. Solange ich kein Knecht, soll mir
Den Herrn ein andrer auf der Burg nicht spielen.
Den Zügel hab ich noch, sie sollen sich
Gelassen dran gewöhnen, müßten sie
Die Zähne sich daran zerreißen. Der
Zuerst den Herold angetastet, hat
Das Beil verwirkt. – Dich steck ich in den Schloßturm.
– Kein Wort, sag ich, wenn dir dein Leben lieb!
Du hast ein Wort gedeutet, eigenmächtig,
Rebellisch deines Herren Willen mißbraucht –
– Ich schenk dirs Leben. Fort! Tritt ab. (Santing ab.)
(Zu Eustache.)
Was willst du?

Eustache.                 Mein Herr, und mein Gemahl –

Rupert.                                                                       Wenn du
Die Rede, die du kürzlich hier begonnen,
Fortsetzen willst, so spar es auf; du siehst,
Ich bin soeben nicht gestimmt, es an
Zu hören.

Eustache.         Wenn ich Unrecht dir getan –

Rupert.
So werd ich mich vor dir wohl reinigen müssen?
Soll ich etwa das Hofgesinde rufen,
Und öffentlich dir Rede stehn?

Eustache.                                           O mein
Gemahl, ein Weib glaubt gern an ihres Mannes
Unschuld, und küssen will ich deine Hand
Mit Tränen, Freudentränen, wenn sie rein
Von diesem Morde.

Rupert.                             Wissen es die Leute,
Wies zugegangen?

Eustache.                       Selber spricht die Tat.
Das Volk war aufgehetzt von Santing.

Rupert.                                                         Daß
Ich auf dein Rufen an das Fenster nicht
Erschienen, ist mir selber unerklärlich,
Sehr schmerzhaft ist mir die Erinnerung.

Eustache.
Es würde fruchtlos doch gewesen sein.
Er sank so schleunig hin, daß jede Rettung,
Die schnellste selbst, zu spät gekommen wäre.
Auch ganz aus seiner Schranke war das Volk,
Und hätte nichts von deinem Wort gehört.

Rupert.
Doch hätt ich mich gezeigt –

Eustache.                                       Nun freilich wohl.

Die Kammerzofe (stürzt herein, umfaßt Eustachens Füße).
Um deine Hülfe, Gnädigste! Erbarmung,
Gebieterin! Sie führen ihn zum Tode,
Errettung von dem Tod! Laß ihn, laß mich,
Laß uns nicht aufgeopfert werden!

Eustache.                                                 Dich?
Bist du von Sinnen?

Die Kammerzofe.             Meinen Friedrich. Er
Hat ihn zuerst getroffen.

Eustache.                                 Wen?

Die Kammerzofe.                              Den Ritter,
Den dein Gemahl geboten zu erschlagen.

Rupert.
Geboten – ich! Den Teufel hab ich. – Santing
Hats angestiftet!

Die Kammerzofe (steht auf).
                            Santing hats auf dein
Geheiß gestiftet.

Rupert.                       Schlange, giftige!
Aus meinen Augen, fort!

Die Kammerzofe.                    Auf dein Geheiß
Hats Santing angestiftet. Selbst hab ichs
Gehört, wie dus dem Santing hast befohlen.

Rupert.
– Gehört? – Du selbst?

Die Kammerzofe.                   Ich stand im Schloßflur, stand
Dicht hinter dir, ich hörte jedes Wort,
Doch du warst blind vor Wut, und sahst mich nicht.
Es habens außer mir noch zwei gehört.

Rupert. – 's ist gut. Tritt ab.

Die Kammerzofe.                  So schenkst du ihm das Leben?

Rupert.
's soll aufgeschoben sein.

Die Kammerzofe.                     O Gott sei Dank!
Und dir sei Dank, mein bester Herr, es ist
Ein braver Bursche, der sein Leben wird
An deines setzen.

Rupert.                         Gut, sag ich. Tritt ab.

(Kammerzofe ab.)
(Rupert wirft sich auf einen Sessel; Eustache nähert sich ihm, Pause.)

Eustache.
Mein teurer Freund. –

Rupert.                                 Laß mich allein, Eustache.

Eustache.
O laß mich bleiben. – O dies menschlich schöne
Gefühl, das dich bewegt, löscht jeden Fleck,
Denn Reue ist die Unschuld der Gefallnen.
An ihrem Glanze weiden will ich mich,
Denn herrlicher bist du mir nie erschienen,
Als jetzt.

Rupert.            Ein Elender bin ich. –

Eustache.                                              Du glaubst
Es. – Ah! Der Augenblick nach dem Verbrechen
Ist oft der schönste in dem Menschenleben,
Du weißts nicht – ach, du weißt es nicht und grade
Das macht dich herrlich. Denn nie besser ist
Der Mensch, als wenn er es recht innig fühlt,
Wie schlecht er ist.

Rupert.                           Es kann mich keiner ehren,
Denn selbst ein Ekel bin ich mir.

Eustache.                                              Den soll
Kein Mensch verdammen, der sein Urteil selbst
Sich spricht. O hebe dich! Du bist so tief
Bei weitem nicht gesunken, als du hoch
Dich heben kannst.

Rupert.                            Und wer hat mich so häßlich
Gemacht? O hassen will ich ihn. –

Eustache.                                                  Rupert!
Du könntest noch an Rache denken?

Rupert.                                                      Ob
Ich an die Rache denke? – Frage doch,
Ob ich noch lebe?

Eustache.                       Ist es möglich? O
Nicht diesen Augenblick zum wenigsten
Wirst du so bös beflecken – Teufel nicht
In deiner Seele dulden, wenn ein Engel
Noch mit mir spricht aus deinen Zügen.

Rupert.                                                             Soll
Ich dir etwa erzählen, daß Sylvester
Viel Böses mir getan? Und soll ichs ihm
Verzeihn, als wär es nur ein Weiberschmollen?
Er hat mir freilich nur den Sohn gemordet,
Den Knaben auch, der lieb mir wie ein Sohn. –

Eustache.
O sprichs nicht aus! Wenn dich die Tat gereut,
Die blutige, die du gestiftet, wohl,
So zeigs, und ehre mindestens im Tode
Den Mann mit dessen Leben du gespielt.
Der Abgeschiedene hat es beschworen:
Unschuldig ist Sylvester!
(Rupert sieht ihr starr ins Gesicht.)
                                          So unschuldig
An Peters Mord, wie wir an jenem Anschlag
Auf Agnes' Leben.

Rupert.                           Über die Vergleichung!

Eustache.
Warum nicht mein Gemahl? Denn es liegt alles
Auf beiden Seiten gleich, bis selbst auf die
Umstände noch der Tat. Du fandst Verdächtge
Bei deinem toten Kinde, so in Warwand;
Du hiebst sie nieder, so in Warwand; sie
Gestanden Falsches, so in Warwand; du
Vertrautest ihnen, so in Warwand. – Nein,
Der einzge Umstand ist verschieden, daß
Sylvester selber doch dich freispricht.

Rupert.                                                         O
Gewendet, listig, haben sie das ganze
Verhältnis, mich, den Kläger, zum Verklagten
Gemacht. – Und um das Bubenstück, das mich
Der ganzen Welt als Mörder zeigt, noch zu
Vollenden, so verzeiht er mir. –

Eustache.                                              Rupert!
O welch ein häßlicher Verdacht, der schon
Die Seele schändet, die ihn denkt.

Rupert.                                                   Verdacht
Ists nicht in mir, es ist Gewißheit. Warum
Meinst du, hätt er mir wohl verziehen, da
Der Anschein doch so groß, als nur, damit
Ich gleich gefällig mich erweise? Er
Kann sich nicht reinigen, er kann es nicht,
Und nun, damit ichs ihm erlaß, erläßt
Ers mir. – Nun, halb zum wenigsten soll ihm
Das Bubenstück gelingen nur. Ich nehme
Den Mord auf mich – und hätt der Jung das Mädchen
Erschlagen, wärs mir recht.

Eustache.                                     Das Mädchen? O
Mein Gott, du wirst das Mädchen doch nicht morden?

Rupert.
Die Stämme sind zu nah gepflanzet, sie
Zerschlagen sich die Äste.

Eustache (zu seinen Füßen).      O verschone,
Auf meinen Knien bitt ich dich verschone
Das Mädchen – wenn dein eigner Sohn dir lieb,
Wenn seine Liebe lieb dir, wenn auf immer
Du seinen Fluch dir nicht bereiten willst,
Verschone Agnes. –

Rupert.                               Welche seltsame
Anwandlung? Mir den Fluch des Sohnes?

Eustache.                                                             Ja,
Es ist heraus – auf meinen Knien beschwöre
Ich dich, bei jener ersten Nacht, die ich
Am Tage vor des Priesters Spruch dir schenkte,
Bei unserm einzgen Kind, bei unserm letzten
Das du hinopferst, und das du doch nicht
Geboren hast, wie ich, o mache diesem
Unselig-bösen Zwist ein Ende, der
Bis auf den Namen selbst den ganzen Stamm
Der Schroffensteine auszurotten droht.
Gott zeigt den Weg selbst zur Versöhnung dir.
Die Kinder lieben sich, ich habe sichre
Beweise. –

Rupert.                 Lieben?

Eustache.                           Unerkannt hat Gott
In dem Gebirge sie vereint.

Rupert.                                         Gebirg?

Eustache.
Ich weiß es von Jeronimus, der Edle!
Vortreffliche! Sein eigner Plan war es
Die Stämme durch die Heirat zu versöhnen,
Und selbst sich opfernd, trat er seine Braut
Dem Sohne seines Freundes ab. – O ehre
Im Tode seinen Willen, daß sein Geist
In deinen Träumen dir nicht mit Entsetzen
Begegne. – Sprich, o sprich den Segen aus!
Mit Tränen küß ich deine Kniee, küsse
Mit Inbrunst deine Hand, die ach! noch schuldig
Was sie am Altar mir versprach – o brauche
Sie einmal doch zum Wohltun, gib dem Sohne
Die Gattin, die sein Herz begehrt, und dir
Und mir und allen Unsrigen den Frieden. –

Rupert.
Nein, sag mir, hab ich recht gehört, sie sehen
Sich im Gebirge, Ottokar und Agnes?

Eustache (steht auf).
O Gott, mein Heiland, was hab ich getan?

Rupert (steht auf).
Das freilich ist ein Umstand von Bedeutung.
(Er pfeift; zwei Diener erscheinen.)

Eustache.
Wärs möglich? Nein. – O Gott sei Dank! Das wäre
Ja selbst für einen Teufel fast zu boshaft.

Rupert (zu den Dienern).
Ist noch der Graf zurück nicht vom Spaziergang?

Ein Diener.
Nein, Herr.

Rupert.               Wo ist der Santing?

Ein Diener.                                         Bei der Leiche.

Rupert.
Führ mich zu ihm. (Ab.)

Eustache (ihm nach).     Rupert! Rupert! O höre.

(Alle ab.)

Zweite Szene

Warwand Zimmer im Schlosse. Sylvester tritt auf, öffnet ein Fenster, und bleibt mit Zeichen einer tiefen Bewegung davor stehen. Gertrude tritt auf, und nähert sich ihm mit verdecktem Gesicht.

Gertrude.
Weißt du es?

Agnes (tritt auf, noch an der Tür halblaut).
                      Mutter! Mutter!

(Gertrude sieht sich um, Agnes nähert sich ihr.)

                                                 Weißt du die
Entsetzenstat? Jerome ist erschlagen.

(Gertrude gibt ihr ein bejahendes Zeichen.)

                                                             Weiß ers?

Gertrude (wendet sich zu Sylvester).
Sylvester!

Sylvester (ohne sich umzusehen).
                 Bist du es Gertrude?

Gertrude.                                           Wenn
Ich wüßte, wie du jetzt gestimmt, viel hätt ich
Zu sagen dir.

Sylvester.               Es ist ein trüber Tag
Mit Wind und Regen, viel Bewegung draußen. –
Es zieht ein unsichtbarer Geist, gewaltig,
Nach einer Richtung alles fort, den Staub,
Die Wolken, und die Wellen. –

Gertrude.                                           Willst du mich,
Sylvester, hören?

Sylvester.                      Sehr beschäftigt mich
Dort jener Segel – siehst du ihn? Er schwankt
Gefährlich, übel ist sein Stand, er kann
Das Ufer nicht erreichen. –

Gertrude.                                     Höre mich,
Sylvester, eine Nachricht hab ich dir
Zu sagen von Jerome.

Sylvester.                             Er, er ist
Hinüber – (Er wendet sich.) ich weiß alles.

Gertrude.                                                                Weißt dus? Nun
Was sagst du?

Sylvester.                 Wenig will ich sagen. Ist
Theistin noch nicht zurück?

Gertrude.                                     So willst du nun
Den Krieg beginnen?

Sylvester.                           Kenn ich doch den Feind.

Gertrude.
Nun freilich wie die Sachen stehn, so mußt
Dus wohl. Hat er den Vetter hingerichtet,
Der schuldlos war, so wird er dich nicht schonen.
Die Zweige abzuhaun des ganzen Stammes,
Das ist sein überlegter Plan, damit
Das Mark ihm seinen Wipfel höher treibe.

Sylvester.
Den Edelen, der nicht einmal als Herold
Gekommen, der als Freund nur das Geschäft
Betrieb des Friedens, preiszugeben – ihn
Um sich an mir zu rächen, preiszugeben
Dem Volke. –

Gertrude.               Nun doch, endlich wirst du ihn
Nicht mehr verkennen?

Sylvester.                               Ihn hab ich verkannt,
Jeronimus – hab ihn der Mitschuld heute
Geziehen, der sich heut für mich geopfert.
Denn wohl geahndet hat es ihm – mich hielt
Er ab, und ging doch selbst nach Rossitz, der
Nicht sichrer war, als ich. –

Gertrude.                                       Konnt er denn anders?
Denn weil du Rupert stets mit blinder Neigung
Hast freigesprochen, ja sogar gezürnt,
Wenn man es nur gewagt ihm zu mißtraun,
So mußt er freilich zu ihm gehen. –

Sylvester.                                                 Nun,
Beruhge dich – fortan kein anderes
Gefühl als nur der Rache will ich kennen,
Und wie ich duldend, einer Wolke gleich
Ihm lange überm Haupt geschwebt, so fahr
Ich einem Blitze gleich jetzt über ihn.

Theistiner (tritt auf).
Hier bin ich wieder, Herr, von meinem Zuge,
Und bringe gleich die fünf Vasallen mit.

Sylvester (wendet sich schnell).
Wo sind sie?

Theistiner.             Unten in dem Saale. Drei,
Der Manso, Vitina, Paratzin, haben
Auf ihren Kopf ein dreißig Männer gleich
Nach Warwand mitgebracht.

Sylvester.                                       Ein dreißig Männer?
– Ein ungesprochner Wunsch ist mir erfüllt.
– Laßt mich allein ihr Weiber.
(Die Weiber ab.)                       Wenn sie so
Ergeben sich erweisen, sind sie wohl
Gestimmt, daß man sie schleunig brauchen kann?

Theistiner.
Wie den gespannten Bogen, Herr; der Mord
Jeromes hat ganz wütend sie gemacht.

Sylvester.
So wollen wir die Witterung benutzen.
Er will nach meinem Haupte greifen, will
Es – nun, so greif ich schnell nach seinem. Dreißig
Sagst du, sind eben eingerückt, ein Zwanzig
Bring ich zusammen, das ist mit dem Geiste,
Der mit uns geht, ein Heer – Theistin, was meinst du?
Noch diese Nacht will ich nach Rossitz.

Theistiner.                                                       Herr,
Gib mir ein Funfzehn von dem Trupp, spreng ich
Die Tore selbst und öffne dir den Weg.
Ich kenn das Nest als wärs ein Dachsloch – noch
Erwarten sie von uns nichts Böses, ich
Beschwörs, die sieben Bürger halten Wache
Noch, wie in Friedenszeiten.

Sylvester.                                       So bleibts dabei.
Du nimmst den Vortrab. Wenn es finster, brechen
Wir auf. Den ersten Zugang überrumpelst
Du, selber folg ich auf dem Fuße, bei
Jeromes Leiche sehen wir uns wieder.
Ich will ihm eine Totenfeier halten,
Und Rossitz soll wie Fackeln sie beleuchten.
Nun fort zu den Vasallen.

(Beide ab.)

Dritte Szene

Bauernküche. Barnabe am Herd. Sie rührt einen Kessel, der über Feuer steht.

Barnabe.
Zuerst dem Vater:
    Ruh in der Gruft: daß ihm ein Frevlerarm nicht
    Über das Feld trage die Knochen umher.
    Leichtes Erstehn: daß er hoch jauchzend das Haupt
    Dränge durchs Grab, wenn die Posaune ihm ruft.
    Ewiges Glück: daß sich die Pforte ihm weit
    Öffne, des Lichts Glanzstrom entgegen ihm wog.

Ursula (außerhalb der Szene).
Barnabe! Barnabe!
Rührst du den Kessel?

Barnabe.                              Ja doch, ja, mit beiden Händen;
Ich wollt ich könnt die Füß auch brauchen.

Ursula.                                                                  Aber
Du sprichst nicht die drei Wünsche. –

Barnabe.                                                      Nun, das gesteh ich!
Wenn unser Herrgott taub, wie du, so hilft
Es alles nichts. – Dann der Mutter:
    Alles Gedeihn: daß ihr die Landhexe nicht
    Giftigen Blicks töte das Kalb in der Kuh.
    Heil an dem Leibe: daß ihr der Krebs mit dem Blut-
    Läppchen im Schutt schwinde geschwinde dahin.
    Leben im Tod: daß ihr kein Teufel die Zung
    Strecke heraus, wenn sie an Gott sich empfiehlt.
Nun für mich:
    Freuden vollauf: daß mich ein stattlicher Mann
    Ziehe mit Kraft kühn ins hochzeitliche Bett.
    Gnädiger Schmerz: daß sich –

Ursula.
Barnabe! Böses Mädel! Hast den Blumenstaub
Vergessen und die Wolfkrautskeime.

Barnabe.                                                      Nein
Doch, nein, 's ist alles schon hinein. Der Brei
Ist dick, daß schon die Kelle stehet.

Ursula.                                                       Aber
Die ungelegten Eier aus dem Hechtsbauch?

Barnabe.
Schneid ich noch einen auf?

Ursula.                                          Nein, warte noch.
Ich will erst Fliederblüte zubereiten.
Laß du nur keinen in die Küche, hörst du?
Und rühre fleißig, hörest du? Und sag
Die Wünsche, hörst du?

Barnabe.                                 Ja doch, ja. – Wo blieb
Ich stehn? Freuden vollauf – Nein, das ist schon vorbei.
    Gnädiger Schmerz: daß sich die liebliche Frucht
    Winde vom Schoß o nicht mit Ach! mir und Weh!
    Weiter mir nichts, bleibt mir ein Wünschen noch frei,
    Gütiger Gott mache die Mutter gesund.
(Sie hält wie ermüdet inne.)
Ja, lieber Gott! – Wenns Glück so süß nicht wär,
Wer würd so sauer sich darum bemühn?
Von vorn. Zuerst dem Vater:
    Ruh in der Gruft: daß ihm ein Frevlerarm nicht
    Über das Feld – – Ah!

(Sie erblickt Ottokar, der bei den letzten Worten hereingetreten ist.)

Ottokar.                                     Was sprichst du mit
Dem Kessel, Mädchen? Bist du eine Hexe,
Du bist die lieblichste, die ich gesehn,
Und tust, ich wette, keinem Böses, der
Dir gut.

Barnabe.      Geh h'raus, Du lieber Herr, ich bitte dich.
In dieser Küche darf jetzt niemand sein,
Die Mutter selbst nicht, außer ich.

Ottokar.                                                  Warum
Denn just nur du?

Barnabe.                       Was weiß ich? Weil ich eine Jungfrau bin.

Ottokar.
Ja darauf schwör ich. Und wie heißt du denn,
Du liebe Jungfrau?

Barnabe.                        Barnabe.

Ottokar.                                        So? Deine Stimme
Klingt schöner, als dein Name.

Ursula.                                               Barnabe! Barnabe!
Wer spricht denn in der Küch?

(Ottokar macht ein bittend Zeichen.)

Barnabe.                                           Was sagst du, Mutter?

Ursula.
Bist du es? Sprichst du die drei Wünsche?

Barnabe.                                                             Ja doch, ja,
Sei doch nur ruhig.
(Sie fängt wieder an, im Kessel zu rühren.)
                                Aber nun geh fort,
Du lieber Herr. Denn meine Mutter sagt,
Wenn ein Unreiner zusieht, taugt der Brei nicht.

Ottokar.
Doch wenn ein Reiner zusieht, wird er um
So besser.

Barnabe.           Davon hat sie nichts gesagt.

Ottokar.
Weils sich von selbst ergibt.

Barnabe.                                        Nun freilich wohl,
Es scheint mir auch. Ich will die Mutter fragen.

Ottokar.
Wozu? Das wirst du selber ja verstehn.

Barnabe.
Nun, störe mich nur nicht. 's ist unser Glücksbrei,
Und ich muß die drei Wünsche dazu sagen.

Ottokar.
Was kochst du denn?

Barnabe.                             Ich? – Einen Kindesfinger.
Ha! ha! Nun denkst du, ich sei eine Hexe.

Ottokar.
Kin – Kindesfinger?

Ursula.                               Barnabe! Du böses Mädel!
Was lachst du?

Barnabe.                  Ei, was lach ich? Ich bin lustig,
Und sprech die Wünsche.

Ursula.                                      Meinen auch vom Krebse?

Barnabe.
Ja, ja. Auch den vom Kalbe.

Ottokar.                                         Sag mir -? Hab
Ich recht gehört –?

Barnabe.                         Nein sieh, ich plaudre nicht.
Ich muß die Wünsche sprechen, laß mich sein.
Sonst schilt die Mutter und der Brei verdirbt.

Ottokar.
Hör, weißt du was? Bring diesen Beutel deiner Mutter,
Er sei dir auf den Herd gefallen, sprich,
Und komm schnell wieder.

Barnabe.                                     Diesen Beutel? 's ist
Ja Geld darin. –

Ottokar.                       Gibs nur der Mutter dreist,
Jedoch verschweigs, von wem er kommt. Nun geh.

Barnabe.
Du lieber Gott, bist du ein Engel?

Ottokar.                                                 Fort! Und komm bald wieder.
(Er schiebt sie sanft ins Nebenzimmer; lebhaft auf und nieder gehend)
Ein Kindesfinger! Wenns der kleine wäre!
Wenns Peters kleiner Finger wäre! Wiege
Mich, Hoffnung, einer Schaukel gleich, und gleich
Als spielt' geschloßnen Auges schwebend mir
Ein Windzug um die offne Brust, so wende
Mein Innerstes sich vor Entzücken. – Wie
Gewaltig, Glück, klopft deine Ahndung an
Die Brust! Dich selbst, o Übermaß, wie werd
Ich dich ertragen. – Horch! Sie kommt! Jetzt werd ichs hören!

(Barnabe tritt auf, er geht ihr entgegen und führt sie in den Vordergrund.)

Nun sage mir, wie kommt ihr zu dem Finger?

Barnabe.
Ich hab mit Muttern kürzlich ihn gefunden.

Ottokar.
Gefunden bloß? Auf welche Art?

Barnabe.                                                 Nun dir
Will ichs schon sagen, wenns gleich Mutter mir
Verboten.

Ottokar.           Ja, das tu.

Barnabe.                           Wir suchten Kräuter
Am Waldstrom im Gebirg, da schleifte uns
Das Wasser ein ertrunken Kind ans Ufer.
Wir zogens drauf heraus, bemühten viel
Uns um das arme Wurm; vergebens, es
Blieb tot. Drauf schnitt die Mutter, die's versteht,
Dem Kinde einen kleinen Finger ab;
Denn der tut nach dem Tod mehr Gutes noch,
Als eines Auferwachsnen ganze Hand
In seinem Leben. – Warum stehst du so
Tiefsinnig? Woran denkest du?

Ottokar.                                             An Gott.
Erzähle mehr noch. Du und deine Mutter –
War niemand sonst dabei?

Barnabe.                                    Gar niemand.

Ottokar.                                                            Wie?

Barnabe. Als wir den Finger abgelöset, kamen
Zwei Männer her aus Warwand, welche sich
Den von der Rechten lösen wollten. Der
Hilft aber nichts, wir machten uns davon,
Und weiter weiß ich nichts.

Ottokar.                                       Es ist genug.
Du hast gleich einer heilgen Offenbarung
Das Unbegriffne mir erklärt. Das kannst
Du nicht verstehn, doch sollst dus bald. – Noch eins.
In Warwand ist ein Mädchen, dem ich auch
So gut, wie dir. Die spräch ich gern noch heut
In einer Höhle, die ihr wohlbekannt.
Die Tochter ist es auf dem Schlosse, Agnes,
Du kannst nicht fehlen.

Barnabe.                                Soll ich sie dir rufen?
Nun ja, es wird ihr Freude machen auch.

Ottokar.
Und dir. Wir wollens beide dir schon lohnen.
Doch mußt dus selbst ihr sagen, keinem andern
Vertraun, daß dich ein Jüngling abgeschickt,
Verstehst du? Nun, das weißt du wohl. – Und daß
Du Glauben finden mögest auch bei ihr,
Nimm dieses Tuch, und diesen Kuß gib ihr. (Ab.)

(Barnabe sieht ihm nach, seufzt und geht ab.)

Vierte Szene

Eine andere Gegend im Gebirge.
Rupert und Santing treten auf

Santing.
Das soll gewöhnlich sein Spaziergang sein,
Sagt mir der Jäger. Selber hab ich ihn
Zweimal und sehr erhitzt, auf dieser Straße
Begegnet. Ist er im Gebirg, so ists
Auch Agnes, und wir fangen beid zugleich.

Rupert (setzt sich auf einen Stein).
Es ist sehr heiß mir, und die Zunge trocken.

Santing.
Der Wind geht kühl doch übers Feld.

Rupert.                                                        Ich glaub,
's ist innerlich.

Santing.                   Fühlst du nicht wohl dich?

Rupert.                                                                Nein.
Mich dürstet.

Santing.                 Komm an diesen Quell.

Rupert.                                                         Löscht er
Den Durst?

Santing.              Das Wasser mindestens ist klar,
Daß du darin dich spiegeln könntest. Komm!

Rupert(steht auf, geht zum Quell, neigt sich über ihn, und plötzlich mit der Bewegung des Abscheus wendet er sich).

Santing. Was fehlt dir?

Rupert.                          Eines Teufels Antlitz sah
Mich aus der Welle an.

Santing (lachend).                 Es war dein eignes.

Rupert.
Skorpion von einem Menschen.
(Setzt sich wieder.)

Barnabe (tritt auf).
Hier gehts nach Warwand doch, gestrenger Ritter?

Santing.
Was hast du denn zu tun dort, schönes Kind?

Barnabe.
Bestellungen an Fräulein Agnes.

Santing.                                                So?
Wenn sie so schön wie du, so möcht ich mit dir gehn.
Was wirst du ihr denn sagen?

Barnabe.                                         Sagen? Nichts,
Ich führe sie bloß ins Gebirg.

Santing.                                           Heut noch?

Barnabe.
Kennst du sie?

Santing.                    Wen'ger noch, als dich,
Und es betrübt mich wen'ger. – Also heute noch?

Barnabe.
Ja gleich. – Und bin ich auf dem rechten Weg?

Santing.
Wer schickt dich denn?

Barnabe.                                Wer? – Meine Mutter.

Santing.                                                                       So?
Nun, geh nur, geh auf diesem Wege fort,
Du kannst nicht fehlen.

Barnabe.                                Gott behüte euch. (Ab.)

Santing.
Hast dus gehört Rupert? Sie kommt noch heut
In das Gebirg. Ich wett, das Mädchen war
Von Ottokar geschickt.

Rupert (steht auf).                 So führ ein Gott,
So führ ein Teufel sie mir in die Schlingen,
Gleichviel! Sie haben mich zu einem Mörder
Gebrandmarkt boshaft, im voraus. – Wohlan,
So sollen sie denn recht gehabt auch haben.
– Weißt du den Ort, wo sie sich treffen?

Santing.                                                             Nein,
Wir müssen ihnen auf die Fährte gehn.

Rupert.                                                           So komm.

(Beide ab.)

Fünfte Szene

Rossitz. Ein Gefängnis im Turm.
Die Tür öffnet sich, Fintenring tritt auf

Ottokar (noch draußen).
Mein Vater hats befohlen?

Fintenring.                                 In der eigenen
Person, du möchtest gleich bei deinem Eintritt
Ins Tor uns folgen nur, wohin wir dich
Zu führen haben. Komm, du alter Junge,
Komm h'rein.

Ottokar.                 Hör, Fintenring, du bist mit deinem
Satyrngesicht verdammt verdächtig mir.
Nun, weil ich doch kein Mädchen, will ichs tun.

(Er tritt auf, der Kerkermeister folgt ihm.)

Fintenring.
Der Ort ist, siehst du, der unschuldigste.
Denn hier auf diesen Quadersteinen müßts
Selbst einen Satyr frieren.

Ottokar.                                     Statt der Rosen
Will er mit Ketten mich und Banden mich
Umwinden – denn die Grotte merk ich wohl
Ist ein Gefängnis.

Fintenring.                   Hör, das gibt vortreffliche
Gedanken, morgen, wett ich, ist dein Geist
Fünf Jahre älter, als dein Haupt.

Ottokar.                                               Wär ich
Wie du, ich nähm es an. Denn deiner straft
Dein graues Haupt um dreißig Jahre Lügen.
– Nun komm, ich muß zum Vater.

Fintenring (tritt ihm in den Weg).         Nein, im Ernst,
Bleib hier, und sei so lustig, wie du kannst.

Ottokar.
Bei meinem Leben, ja, das bin ich nie
Gewesen so wie jetzt, und möchte dir
Die zähnelosen Lippen küssen, Alter.
Du ziehst auch gern nicht in den Krieg, nun, höre,
Sag deinem Weibe nur, ich bring den Frieden.

Fintenring.
Im Ernste?

Ottokar.            Bei meinem Leben, ja.

Fintenring.                                             Nun morgen
Mehr. Lebe wohl. (Zum Kerkermeister.) Verschließe hinter mir
Sogleich die Türe.
(Zu Ottokar, da dieser ihm folgen will.)
                               Nein, bei meinem Eid
Ich sag dir, auf Befehl des Vaters bist
Du ein Gefangner.

Ottokar.                         Was sagst du?

Fintenring.                                             Ich soll
Dir weiter gar nichts sagen, außer dies.

Ottokar.
Nun?

Fintenring. Ei, daß ich nichts sagen soll.

Ottokar.                                                     O bei
Dem großen Gott des Himmels, sprechen muß
Ich gleich ihn – eine Nachricht von dem höchsten
Gewicht, die keinen Aufschub duldet, muß
Ich mündlich gleich ihm hinterbringen.

Fintenring.                                                     So
Kannst du dich trösten mindestens, er ist
Mit Santing fort, es weiß kein Mensch wohin.

Ottokar.
Ich muß sogleich ihn suchen, laß mich. –

Fintenring (tritt ihm in den Weg).                    Ei
Du scherzest wohl.

Ottokar.                          Nein laß mich, nein, ich scherze
Bei meiner Ritterehre nicht mit deiner.
's ist plötzlich mir so ernst zu Mut geworden,
Als wäre ein Gewitter in der Luft.
Es hat die höchste Eil mit meiner Nachricht,
Und läßt du mich gutwillig nicht, so wahr
Ich leb ich breche durch.

Fintenring.                              Durchbrechen, du?
Sprichst doch mit mir gleich wie mit einem Weibe!
Du bist mir anvertraut auf Haupt und Ehre,
Tritt mich mit Füßen erst, dann bist du frei.
– Nein, hör, ich wüßte was Gescheuteres.
Gedulde dich ein Stündchen, führ ich selbst
Sobald er rückkehrt deinen Vater zu dir.

Ottokar.
Sag mir ums Himmelswillen nur, was hab
Ich Böses denn getan?

Fintenring.                           Weiß nichts. – Noch mehr.
Ich schick dem Vater Boten nach, daß er
So früher heimkehrt.

Ottokar.                             Nun denn, meinetwegen.

Fintenring.
So lebe wohl. (Zum Kerkermeister.) Und du tust deine Pflicht.

(Fintenring und der Kerkermeister ab; die Tür wird verschlossen.)

Ottokar (sieht ihnen nach).
Ich hätte doch nicht bleiben sollen. – Gott
Weiß, wann der Vater wiederkehrt. – Sie wollten
Ihn freilich suchen. – Ach, es treibt der Geist
Sie nicht, der alles leistet. – – Was zum Henker,
Es geht ja nicht, ich muß hinaus, ich habe
Ja Agnes ins Gebirg beschieden. – Fintenring!
Fintenring! (An die Türe klopfend.) Daß ein Donner, Tauber, das
Gehör dir öffnete! Fintenring! – – Schloß
Von einem Menschen, den kein Schlüssel schließt,
Als nur sein Herr. Dem dient er mit stockblinder
Dienstfertigkeit, und wenn sein Dienst auch zehnmal
Ihm Schaden brächt, doch dient er ihm. – Ich wollt
Ihn doch gewinnen, wenn er nur erschiene.
Denn nichts besticht ihn, außer daß man ihm
Das sagt. – – Zum mindsten wollt ich ihn doch eher
Gewinnen, als die tauben Wände! Himmel
Und Hölle! Daß ich einem Schäfer gleich
Mein Leid den Felsen klagen muß! – – So will
Ich mich, Geduld, an dir, du Weibertugend üben.
– 's ist eine schnöde Kunst, mit Anstand viel
Zu unterlassen – und ich merk es schon,
Es wird mehr Schweiß mir kosten, als das Tun.
(Er will sich setzen.)
Horch! Horch! Es kommt.

(Der Kerkermeister öffnet Eustachen die Türe.)

Eustache (zu diesem).                Ich werd es dir Vergelten

Ottokar.
Ach, Mutter!

Eustache.               Hör, mein Sohn, ich habe dir
Entsetzliches zu sagen.

Ottokar.                                Du erschreckst mich –
– Wie bist du so entstellt?

Eustache.                                    Das eine wirst
Du wissen schon, Jerome ist erschlagen.

Ottokar.
Jeronimus? O Gott des Himmels! Wer
Hat das getan?

Eustache.                 Das ist nicht alles. Rupert
Kennt deine Liebe. –

Ottokar.                              Wie? Wer konnt ihm die
Entdecken?

Eustache.            Frage nicht – o deine Mutter,
Ich selbst. Jerome hat es mir vertraut,
Mich riß ein übereilter Eifer hin,
Der Wütrich, den ich niemals so gekannt –

Ottokar.
Von wem sprichst du?

Eustache.                             O Gott, von deinem Vater.

Ottokar.
Noch faß ich dich nur halb – doch laß dir sagen
Vor allen Dingen, alles ist gelöset,
Das ganze Rätsel von dem Mord, die Männer,
Die man bei Peters Leiche fand, sie haben
Die Leiche selbst gefunden, ihr die Finger
Aus Vorurteil nur abgeschnitten. – Kurz,
Rein, wie die Sonne, ist Sylvester.

Eustache.                                                 O
Jesus! Und jetzt erschlägt er seine Tochter. –

Ottokar.
Wer?

Eustache.   Rupert. Wenn sie in dem Gebirge jetzt,
Ist sie verloren, er und Santing sucht sie.

Ottokar (eilt zur Türe).
Fintenring! Fintenring! Fintenring!

Eustache.                                                  Höre
Mich an, er darf dich nicht befrein, sein Haupt
Steht drauf. –

Ottokar.                  Er oder ich. – Fintenring!
(Er sieht sich um.)                                     Nun
So helfe mir die Mutter Gottes denn.
(Er hängt einen Mantel um, der auf dem Boden lag.)
Und dieser Mantel bette meinem Fall.
(Er klettert in ein unvergittert Fenster.)

Eustache.
Um Gotteswillen, springen willst du doch
Von diesem Turm nicht? Rasender! Der Turm
Ist funfzig Fuß hoch, und der ganze Boden
Gepflastert. – Ottokar! Ottokar!

Ottokar (von oben).
Mutter! Mutter! Sei wenn ich gesprungen
Nur still, hörst du? Ganz still, sonst fangen sie
Mich.

Eustache (sinkt auf die Knie). Ottokar! Auf meinen Knieen bitte,
Beschwör ich dich, geh so verächtlich nicht
Mit deinem Leben um, spring nicht vom Turm.

Ottokar.
Das Leben ist viel wert, wenn mans verachtet.
Ich brauchs. – Leb wohl. (Er springt.)

Eustache (steht auf).               Zu Hülfe! Hülfe! Hülfe!

(Der Vorhang fällt.)

Fünfter Aufzug

Erste Szene

Das Innere einer Höhle. Es wird Nacht. Agnes mit einem Hute, in zwei Kleidern. Das Überkleid ist vorne mit Schleifen zugebunden. Barnabe. Beide stehen schüchtern an einer Seite des Vordergrundes.

Agnes.
Hättst du mir früher das gesagt! Ich fühle
Mich sehr beängstigt, möchte lieber, daß
Ich nicht gefolgt dir wäre. – Geh noch einmal
Hinaus, du Liebe, vor den Eingang, sieh,
Ob niemand sich der Höhle nähert.

Barnabe (die in den Hintergrund gegangen ist). Von
Den beiden Rittern seh ich nichts.

Agnes (mit einem Seufzer).                   Ach Gott!
– Hab Dank für deine Nachricht.

Barnabe.                                               Aber von
Dem schönen Jüngling seh ich auch nichts.

Agnes.                                                                 Siehst
Du wirklich nichts? Du kennst ihn doch?

Barnabe.                                                          Wie mich.

Agnes.
So sieh nur scharf hin auf den Weg.

Barnabe.                                                   Es wird
Sehr finster schon im Tal, aus allen Häusern
Seh ich schon Lichter schimmern und Kamine.

Agnes.
Die Lichter schon? So ists mir unbegreiflich.

Barnabe.
Wenn einer käm, ich könnt es hören, so
Geheimnis-still gehts um die Höhen.

Agnes.
Ach, nun ists doch umsonst. Ich will nur lieber
Heimkehren. Komm. Begleite mich.

Barnabe.                                                     Still! Still!
Ich hör ein Rauschen – wieder. – – Ach, es war
Ein Windstoß, der vom Wasserfalle kam.

Agnes.
Wars auch gewiß vom Wasserfalle nur?

Barnabe.
Da regt sich etwas Dunkles doch im Nebel. –

Agnes.
Ists einer? Sind es zwei?

Barnabe.                                 Ich kann es nicht
Genau erkennen. Aber menschliche
Gestalten sind es – – Ah!

(Beide Mädchen fahren zurück. Ottokar tritt auf, und fliegt in Agnes' Arme.)

Ottokar.
O Dank, Gott! Dank für deiner Engel Obhut!
So lebst du Mädchen?

Agnes.                                  Ob ich lebe?

Ottokar.                                                    Zittre
Doch nicht, bin ich nicht Ottokar?

Agnes.                                                      Es ist
So seltsam alles heute mir verdächtig,
Der fremde Bote, dann dein spät Erscheinen,
Nun diese Frage. – Auch die beiden Ritter,
Die schon den ganzen Tag um diese Höhle
Geschlichen sind.

Ottokar.                       Zwei Ritter?

Agnes.                                               Die sogar
Nach mir gefragt.

Ottokar.                       Gefragt? Und wen?

Agnes.                                                           Dies Mädchen,
Die es gestanden, daß sie ins Gebirg
Mich rufe.

Ottokar (zu Barnabe).
                  Unglückliche!

Agnes.                                       Was sind denn das
Für Ritter?

Ottokar (zu Barnabe). Wissen sie, daß Agnes hier
In dieser Höhle?

Barnabe.                     Das hab ich nicht gestanden.

Agnes.
Du scheinst beängstigt, Ottokar, ich werd
Es doppelt. Kennst du denn die Ritter?

Ottokar (steht in Gedanken).

Agnes.                                                             Sind sie –
– Sie sind doch nicht aus Rossitz? Sind doch nicht
Geschickt nach mir? Sind keine Mörder doch?

Ottokar (mit einem plötzlich heitern Spiel).
Du weißt ja, alles ist gelöst, das ganze
Geheimnis klar, dein Vater ist unschuldig. –

Agnes.
So wär es wahr –?

Ottokar.                           Bei diesem Mädchen fand
Ich Peters Finger, Peter ist ertrunken,
Ermordet nicht. – Doch künftig mehr. Laß uns
Die schöne Stunde innig fassen. Möge
Die Trauer schwatzen, und die Langeweile,
Das Glück ist stumm.
(Er drückt sie an seine Brust.)
                                    Wir machen diese Nacht
Zu einem Fest der Liebe, willst du? Komm.
(Er zieht sie auf einen Sitz.)
In kurzem, ist der Irrtum aufgedeckt,
Sind nur die Väter erst versöhnt, darf ich
Dich öffentlich als meine Braut begrüßen.
– Mit diesem Kuß verlobe ich mich dir.
(Er steht auf, zu Barnabe heimlich.)
Du stellst dich an den Eingang, hörst du? Siehst
Du irgend jemand nahe, so rufst du gleich.
– Noch eins. Wir werden hier die Kleider wechseln,
In einer Viertelstunde führst du Agnes
In Männerkleidern heim. Und sollte man
Uns überraschen, tust dus gleich. – Nun geh.

(Barnabe geht in den Hintergrund. Ottokar kehrt zu Agnes zurück.)

Agnes.
Wo geht das Mädchen hin?

Ottokar (setzt sich).                     Ach! Agnes! Agnes!
Welch eine Zukunft öffnet ihre Pforte!
Du wirst mein Weib, mein Weib! weißt du denn auch
Wie groß das Maß von Glück?

Agnes (lächelnd).                              Du wirst es lehren.

Ottokar.
Ich werd es! O du Glückliche! Der Tag,
Die Nacht vielmehr ist nicht mehr fern. Es kommt, du weißt,
Den Liebenden das Licht nur in der Nacht
– Errötest du?

Agnes.                     So wenig schützt das Dunkel?

Ottokar.
Nur vor dem Auge, Törin, doch ich sehs
Mit meiner Wange, daß du glühst. – Ach, Agnes!
Wenn erst das Wort gesprochen ist, das dein
Gefühl, jetzt eine Sünde, heiligt – – Erst
Im Schwarm der Gäste, die mit Blicken uns
Wie Wespen folgen, tret ich zu dir, sprichst
Du zwei beklemmte Worte, wendest dann
Viel schwatzend zu dem Nachbar dich. Ich zürne
Der Spröden nicht, ich weiß es besser wohl.
Denn wenn ein Gast, der von dem Feste scheidet,
Die Türe zuschließt, fliegt, wo du auch seist,
Ein Blick zu mir herüber, der mich tröstet.
Wenn dann der Letzte auch geschieden, nur
Die Väter und die Mütter noch beisammen –
– »Nun, gute Nacht, ihr Kinder!« – Lächelnd küssen
Sie dich, und küssen mich – wir wenden uns,
Und eine ganze Dienerschaft mit Kerzen
Will folgen. »Eine Kerze ist genug,
Ihr Leute«, ruf ich, und die nehm ich selber,
Ergreife deine, diese Hand. (Er küßt sie.)
– Und langsam steigen wir die Treppe, stumm,
Als wär uns kein Gedanke in der Brust,
Daß nur das Rauschen sich von deinem Kleide,
Noch in den weiten Hallen hören läßt.
Dann – – Schläfst du, Agnes?

Agnes.                                              – Schlafen?

Ottokar.                                                                Weil du plötzlich
So still. – Nun weiter. Leise öffne ich
Die Türe, schließe leise sie, als wär
Es mir verboten. Denn es schauert stets
Der Mensch, wo man als Kind es ihm gelehrt.
Wir setzen uns. Ich ziehe sanft dich nieder,
Mit meinen Armen stark umspann ich dich,
Und alle Liebe sprech ich aus mit einem,
Mit diesem Kuß.
(Er geht schnell in den Hintergrund; zu Barnabe heimlich.)
                             So sahst du niemand noch?

Barnabe.
Es schien mir kürzlich fast, als schlichen zwei
Gestalten um den Berg.

(Ottokar kehrt schnell zurück.)

Agnes.                                     Was sprichst du denn
Mit jenem Mädchen stets?

Ottokar (hat sich wieder gesetzt). Wo blieb ich stehen?
Ja, bei dem Kuß. – Dann kühner wird die Liebe,
Und weil du mein bist – bist du denn nicht mein?
So nehm ich dir den Hut vom Haupte (er tuts), störe
Der Locken steife Ordnung (er tuts), drücke kühn
Das Tuch hinweg (er tuts), du lispelst leis: o lösche
Das Licht! Und plötzlich, tief verhüllend, webt
Die Nacht den Schleier um die heilge Liebe,
Wie jetzt.

Barnabe (aus dem Hintergrunde).
                 O Ritter! Ritter!

Agnes (sieht sich ängstlich um).

Ottokar (Fällt ihr ins Wort).     Nun entwallt
Gleich einem frühling-angeschwellten Strom
Die Regung ohne Maß und Ordnung – schnell
Lös ich die Schleife, schnell noch eine (er tuts), streife dann
Die fremde Hülle leicht dir ab (er tuts).

Agnes.                                               O Ottokar,
Was machst du? (Sie fällt ihm um den Hals.)

Ottokar (an dem Überkleide beschäftigt).
                            Ein Gehülfe der Natur
Stell ich sie wieder her. Denn wozu noch
Das Unergründliche geheimnisvoll
Verschleiern? Alles Schöne, liebe Agnes,
Braucht keinen andern Schleier, als den eignen,
Denn der ist freilich selbst die Schönheit.

Barnabe.                                                             Ritter! Ritter!
Geschwind!

Ottokar (schnell auf, zu Barnabe).
                     Was gibts?

Barnabe.                                 Der eine ging zweimal
Ganz nah vorbei, ganz langsam.

Ottokar.                                               Hat er dich gesehn?

Barnabe.
Ich fürcht es fast.

(Ottokar kehrt zurück.)

Agnes (die aufgestanden ist). Was rief das Mädchen denn
So ängstlich?

Ottokar.                Es ist nichts.

Agnes.                                         Es ist etwas.

Ottokar.
Zwei Bauern ja, sie irrten sich. – Du frierst,
Nimm diesen Mantel um.
(Er hängt ihr seinen Mantel um.)

Agnes.                                       Du bist ja seltsam.

Ottokar.
So, so. Nun setze dich.

Agnes (setzt sich).                 Ich möchte lieber gehn.

Ottokar (der vor ihr steht).
Wer würde glauben, daß der grobe Mantel
So Zartes deckte, als ein Mädchenleib!
Drück Ich dir noch den Helm auf deine Locken,
Mach ich auch Weiber mir zu Nebenbuhlern.

Barnabe (kommt zurück, eilig).
Sie kommen! Ritter! Sie kommen!

(Ottokar wirft schnell Agnes' Oberkleid über, und setzt ihren Hut auf.)

Agnes.
Wer soll denn kommen? – Ottokar, was machst du?

Ottokar (im Ankleiden beschäftigt).
Mein Vater kommt. –

Agnes.                                 O Jesus! (Will sinken.)

Ottokar (faßt sie).                             Ruhig. Niemand
Fügt dir ein Leid, wenn ohn' ein Wort zu reden,
Du dreist und kühn in deiner Männertracht
Hinaus zur Höhle gehst. Ich bleibe. – Nein,
Erwidre nichts, ich bleib. Es ist nur für
Den ersten Anfall.

(Rupert und Santing erscheinen.)

                              Sprecht kein Wort und geht sogleich.

(Die Mädchen gehen.)

Rupert (tritt Agnes in den Weg).
Wer bist du? Rede!

Ottokar (tritt vor, mit verstellter Stimme).
                                 Sucht ihr Agnes? Hier bin ich.
Wenn ihr aus Warwand seid, so führt mich heim.

Rupert (während die Mädchen nun abgehen).
Ich fördre dein Gespenst zu deinem Vater!
(Er ersticht Ottokar; der fällt ohne Laut. Pause.)

Rupert (betrachtet starr die Leiche).
Santing! Santing! – Ich glaube, sie ist tot.

Santing.
Die Schlange hat ein zähes Leben. Doch
Beschwör ichs fast. Das Schwert steckt ihr im Busen.

Rupert (fährt sich mit der Hand übers Gesicht).
Warum denn tat ichs, Santing? Kann ich es
Doch gar nicht finden im Gedächtnis. –

Santing.                                                           Ei,
Es ist ja Agnes.

Rupert.                      Agnes, ja, ganz recht,
Die tat mir Böses, mir viel Böses, o
Ich weiß es wohl. – – Was war es schon?

Santing.                                                               Ich weiß
Nicht, wie dus meinst. Das Mädchen selber hat
Nichts Böses dir getan.

Rupert.                                  Nichts Böses? Santing!
Warum denn hätt ich sie gemordet? Sage
Mir schnell, ich bitte dich, womit sie mich
Beleidigt, sags recht hämisch – Basiliske,
Sieh mich nicht an, sprich, Teufel, sprich, und weißt
Du nichts, so lüg es!

Santing.                            Bist du denn verrückt?
Das Mädchen ist Sylvesters Tochter.

Rupert.                                                        So,
Sylvesters. – Ja, Sylvesters, der mir Petern
Ermordet hat. –

Santing.                       Den Herold und Johann.

Rupert.
Johann, ganz recht – und der mich so infam
Gelogen hat, daß ich es werden mußte.
(Er zieht das Schwert aus dem Busen Ottokars.)
Rechtmäßig wars. –
                                Gezücht der Otter!
(Er stößt den Körper mit dem Fuße.)

Santing (an dem Eingang).
Welch eine seltsame Erscheinung, Herr!
Ein Zug mit Fackeln, gleich dem Jägerheer,
Zieht still von Warwand an den Höhn herab.

Rupert.
Sie sind, wies scheint, nach Rossitz auf dem Wege.

Santing.
Das Ding ist sehr verdächtig.

Rupert.                                           Denkst du an
Sylvester?

Santing.             Herr, ich gebe keine Nuß
Für eine andre , Meinung. Laß uns schnell
Heimkehren, in zwei Augenblicken wärs
Nicht möglich mehr.

Rupert.                              Wenn Ottokar nur ihnen
Nicht in die Hände fällt. – Ging er nicht aus
Der Höhle, als wir kamen?

Santing.                                       Und vermutlich
Nach Haus; so finden wir ihn auf dem Wege. Komm!

(Beide ab. Agnes und Barnabe lassen sich am Eingange sehen.)

Agnes.
Die Schreckensnacht! Entsetzlich ist der Anblick!
Ein Leichenzug mit Kerzen, wie ein Traum
Im Fieber! Weit das ganze Tal erleuchtet
Vom blutig-roten Licht der Fackeln. Jetzt
Durch dieses Heer von Geistern geh ich nicht
Zu Hause. Wenn die Höhle leer ist, wie
Du sagst –

Barnabe.              Soeben gingen die zwei Ritter
Heraus.

Agnes.            So wäre Ottokar noch hier?
Ottokar! – – Ottokar!

Ottokar (mit matter Stimme). Agnes!

Agnes.
Wo bist du? – Ein Schwert – im Busen – Heiland!
Heiland der Welt! Mein Ottokar! (Sie fällt über ihn.)

Ottokar.                                                Es ist –
Gelungen. – Flieh! (Er stirbt.)

Barnabe.                           O Jammer! Gott des Himmels!
Mein Fräulein! Sie ist sinnlos! Keine Hülfe!
Ermanne dich, mein Fräulein! – Gott! Die Fackeln!
Sie nahen! Fort, Unglückliche! Entflieh! (Ab.)

(Sylvester und Theistiner treten auf; eine Fackel folgt.)

Sylvester.
Der Zug soll halten. (Zu Theistiner.) Ist es diese Höhle?

Theistiner.
Ja, Herr, von dieser sprach Johann, und darf
Man seiner Rede traun, so finden wir
Am sichersten das Fräulein hier.

Sylvester.                                             Die Fackel vor!

Theistiner. Wenn ich nicht irre, seh ich Ottokar
Dort liegt auch Agnes!

Sylvester.                              Am Boden! Gott der Welt!
Ein Schwert im Busen meiner Agnes!

Agnes (richtet sich auf).
Wer ruft?

Sylvester.         Die Hölle ruft dich, Mörder!
(Er ersticht sie.)

Agnes.                                                             Ach! (Sie stirbt.)

(Sylvester läßt sich auf ein Knie neben der Leiche Ottokars nieder.)

Theistiner (nach einer Pause).
Mein bester Herr, verweile nicht in diesem
Verderblich dumpfen Schmerz! Erhebe dich!
Wir brauchen Kraft, und einem Kinderlosen
Zerreißt der Schreckensanblick das Gebein.

Sylvester.
Laß einen Augenblick mich ruhn. Es regt
Sich sehr gewaltig die Natur im Menschen,
Und will, daß man, gleich einem einzgen Gotte,
Ihr einzig diene, wo sie uns erscheint.
Mich hat ein großer Sturm gefaßt, er beugt
Mein wankend Leben tief zur Gruft. Wenn es
Nicht reißt, so steh ich schrecklich wieder auf,
Ist der gewaltsam erste Anfall nur
Vorüber.

Theistiner.     Doch das Zögern ist uns sehr
Gefährlich – – Komm! Ergreif den Augenblick!
Er wird so günstig niemals wiederkehren.
Gebeut die Rache und wir wettern wie
Die Würgeengel über Rossitz hin!

Sylvester.
Des Lebens Güter sind in weiter Ferne,
Wenn ein Verlust so nah, wie diese Leiche,
Und niemals ein Gewinst kann mir ersetzen,
Was mir auf dieser Nummer fehlgeschlagen.
Sie blühte wie die Ernte meines Lebens,
Die nun ein frecher Fußtritt mir zertreten,
Und darben werd ich jetzt, von fremden Müttern
Ein fremdes Kind zum Almos mir erflehen.

Theistiner.
Sylvester, hör mich! Säume länger nicht!

Sylvester.
Ja, du hast recht! es bleibt die ganze Zukunft
Der Trauer, dieser Augenblick gehört
Der Rache. Einmal doch in meinem Leben
Dürst ich nach Blut, und kostbar ist die Stimmung.
Komm schnell zum Zuge.

(Man hört draußen ein Geschrei: Holla! Herein! Holla!)

Theistiner.                                 Was bedeutet das?

(Rupert und Santing werden von Rittern Sylvesters gefangen aufgeführt.)

Ein Ritter.
Ein guter Fund, Sylvester! Diese saubern
Zwei Herren, im Gesträuche hat ein Knappe,
Der von dem Pferd gestiegen, sie gefunden.

Theistiner.
Sylvester! Hilf mir sehn, ich bitte dich!
Er ists! Leibhaftig! Rupert! Und der Santing.

Sylvester (zieht sein Schwert).
Rupert!

Theistiner.   Sein Teufel ist ein Beutelschneider,
Und führt in eigener Person den Sünder
In seiner Henker Hände.

Sylvester.                                 O gefangen!
Warum gefangen? Gott der Gerechtigkeit!
Sprich deutlich mit dem Menschen, daß ers weiß
Auch, was er soll!

Rupert (erblickt Agnes' Leiche). Mein Sohn! Mein Sohn! Ermordet!
Zu meinem Sohne laßt mich, meinem Sohne!
(Er will sich losreißen, die Ritter halten ihn.)

Sylvester.
Er trägt sein eigen schneidend Schwert im Busen.
(Er steckt ein.)
Laßt ihn zu seinem Sohne.

Rupert (stürzt über Agnes Leichnam hin). Ottokar!

Gertrude (tritt auf).
Ein Reuter flog durch Warwand, schreiend, Agnes
Sei tot gefunden in der Höhle. Ritter,
Ihr Männer! Ist es wahr? Wo ist sie? Wo?
(Sie stürzt über Ottokars Leichnam.)
O heilge Mutter Gottes! O mein Kind!
Du Leben meines Lebens!

Eustache (tritt auf).                    Seid ihr Männer,
So laßt ein Weib unangerührt hindurch,
Gebeuts, Sylvester, ich, die Mutter des
Erschlagnen, will zu meines Sohnes Leiche.

Sylvester.
Der Schmerz ist frei. Geh hin zu deinem Sohn.

Eustache.
Wo ist er? – Jesus! Deine Tochter auch? –
Sie sind vermählt.

(Sylvester wendet sich. Eustache läßt sich auf ein Knie vor Agnes' Leiche nieder. Sylvius, von Johann geführt, treten auf. Der letzte mit Zeichen der Verrückung.)

Sylvius.                          Wohin führst du mich, Knabe?

Johann.
Ins Elend, Alter, denn ich bin die Torheit.
Sei nur getrost! Es ist der rechte Weg.

Sylvius.
Weh! Weh! Im Wald die Blindheit, und ihr Hüter
Der Wahnsinn! Führe heim mich, Knabe, heim!

Johann.
Ins Glück? Es geht nicht, Alter. 's ist inwendig
Verriegelt. Komm. Wir müssen vorwärts.

Sylvius.                                                                Müssen wir?
So mögen sich die Himmlischen erbarmen.
Wohlan. Ich folge dir.

Johann.                                Heißa lustig!
Wir sind am Ziele.

Sylvius.                           Am Ziele schon? Bei meinem
Erschlagnen Kindeskind? Wo ist es?

Johann.                                                       Wär ich blind,
Ich könnt es riechen, denn die Leiche stinkt schon.
Wir wollen uns dran niedersetzen, komm,
Wie Geier ums Aas.
(Er setzt sich bei Ottokars Leiche.)

Sylvius.                             Er raset. Weh! Hört denn
Kein menschlich Ohr den Jammer eines Greises,
Der blind in pfadelosen Wäldern irrt?

Johann.
Sei mir nicht bös, ich mein es gut mit dir.
Gib deine Hand, ich führe dich zu Agnes.

Sylvius.
Ist es noch weit?

Johann.                       Ein Pfeilschuß. Beuge dich.

Sylvius (indem er die Leiche betastet).
Ein Schwert – im Busen – einer Leiche. –

Johann.                                                                 Höre, Alter,
Das nenn ich schauerlich. Das Mädchen war
So gut, und o so schön.

Sylvius.                                 Das ist nicht Agnes!
– Das wäre Agnes, Knabe? Agnes' Kleid,
Nicht Agnes! Nein bei meinem ewgen Leben,
Das ist nicht Agnes!

Johann (die Leiche belastend). Ah! Der Skorpion!
's ist Ottokar!

Sylvester.               Ottokar!

Gertrude.
So wahr ich Mutter, das ist meine Tochter
Nicht. (Sie steht auf)

Sylvester.   Fackeln her! – Nein, wahrlich, nein! Das ist
Nicht Agnes!

Eustache (die herbeigeeilt). Agnes! Ottokar! Was soll
Ich glauben –? O ich Unheilsmutter! Doppelt
Die Leiche meines Sohnes! Ottokar!

Sylvester.
Dein Sohn in meiner Agnes Kleidern? Wer
Denn ist die Leiche in der Männertracht?
Ist es denn – Nein, es ist doch nicht –?

Sylvius.                                                           Sylvester!
Wo ist denn Agnes' Leiche? Führ mich zu ihr.

Sylvester.
Unglücklicher! Sie ist ja nicht ermordet?

Johann.
Das ist ein Narr. Komm, Alter, komm. Dort ist
Noch eine Leich, ich hoffe, die wirds sein.

Sylvius.
Noch eine Leiche? Knabe! Sind wir denn
In einem Beinhaus?

Johann.                            Lustig, Alter!
Sie ists! 's ist Agnes!

Sylvester (bedeckt sich das Gesicht).
                                   Agnes!

Johann.                                           Faß ihr ins Gesicht,
Es muß wie fliegender Sommer sein.
(Zu Rupert.)                                         Du Scheusal! Fort!

Rupert (richtet sich halb auf).
Bleibt fern, ich bitt euch. – Sehr gefährlich ists,
Der Ohnmacht eines Rasenden zu spotten.
Ist er in Fesseln gleich geschlagen, kann
Er euch den Speichel noch ins Antlitz spein,
Der seine Pest euch einimpft. Geht, und laßt
Die Leiche mindstens mir von Ottokar.

Johann.
Du toller Hund! Geh gleich fort! Ottokar
Ist dort – komm, Alter, glaub mir hier ist Agnes.

Sylvius.
O meine Agnes! O mein Kindeskind!

Eustache.
O meine Tochter! Welch ein Irrtum! Gott!

Rupert (sieht Agnes' Leiche genauer an, steht auf, geht schnell zur Leiche Ottokars, und wendet sich mit Bewegung des Entsetzens).
Höllisch Gesicht! Was äffst du mich?
(Er sieht die Leiche wieder an.)         Ein Teufel
Blöckt mir die Zung heraus.
(Er sieht sie wieder an und führt mit den Händen in seinen Haaren.)
                                               Ich selbst! Ich selbst!
Zweimal die Brust durchbohrt! Zweimal die Brust.

Ursula (tritt auf).
Hier ist der Kindesfinger!
(Sie wirft einen Kindesfinger in die Mitte der Bühne und verschwindet.)

Alle.
Was war das? Welche seltsame Erscheinung?

Eustache. Ein Kindesfinger?
(Sie sucht ihn auf)

Rupert.                                   Fehlte Petern nicht
Der kleine Finger an der linken Hand?

Sylvester.
Dem Peter? Dem erschlagnen Knaben? Fangt
Das Weib mir, führet mir das Weib zurück!

(Einige Ritter ab.)

Eustache.
Wenn eine Mutter kennt, was sie gebar,
So ist es Peters Finger.

Rupert.                                 Peters Finger?

Eustache.
Er ists! Er ists! An dieser Blatternarbe,
Der einzigen auf seinem ganzen Leib,
Erkenn ich es! Er ist es!

Rupert.                                   Unbegreiflich!

Ursula (wird aufgeführt).
Gnade! Gnade! Gnade!

Sylvester.
Wie kamst du, Weib, zu diesem Finger?

Ursula.                                                              Gnade!
Das Kind, dem ich ihn abgeschnitten, ist
Ermordet nicht, war ein ertrunkenes,
Das ich selbst leblos fand.

Rupert.                                       Ertrunken?

Sylvester.
Und warum schnittst du ihm den Finger ab?

Ursula.
Ich wollt ihn unter meine Schwelle legen,
Er wehrt dem Teufel. Gnade! Wenns dein Sohn ist,
Wie meine Tochter sagt, ich wußt es nicht.

Rupert.
Dich fand ich aber bei der Leiche nicht.
Ich fand zwei Reisige aus Warwand.

Ursula.
Die kamen später zu dem Kind als ich,
Ihm auch den rechten Finger abzulösen.

(Rupert bedeckt sich das Gesicht.)

Johann (tritt vor Ursula).
Was willst du, alte Hexe?

Ursula.                                       's ist abgetan, mein Püppchen.
Wenn ihr euch totschlagt, ist es ein Versehen.

Johann.
Versehen? Ein Versehen? Schade! Schade!
Die arme Agnes! Und der Ottokar!

Rupert.
Johann! Mein Knäblein! Schweige still, dein Wort
Ist schneidend wie ein Messer.

Johann.                                             Seid nicht böse.
Papa hat es nicht gern getan, Papa
Wird es nicht mehr tun. Seid nicht böse.

Rupert.
Sylvester! Dir hab ich ein Kind genommen,
Und biete einen Freund dir zum Ersatz.
(Pause.)
Sylvester! Selbst bin ich ein Kinderloser!
(Pause.)
Sylvester! Deines Kindes Blut komm über
Mich – kannst du besser nicht verzeihn, als ich?

(Sylvester reicht ihm mit abgewandtem Gesicht die Hand; Eustache und Gertrude umarmen sich.)

Johann.
Bringt Wein her! Lustig! Wein! Das ist ein Spaß zum
Totlachen! Wein! Der Teufel hatt im Schlaf die beiden
Mit Kohlen die Gesichter angeschmiert,
Nun kennen sie sich wieder. Schurken! Wein!
Wir wollen eins drauf trinken!

Ursula.                                              Gott sei Dank!
So seid ihr nun versöhnt.

Rupert.                                     Du hast den Knoten
Geschürzt, du hast ihn auch gelöst. Tritt ab.

Johann.
Geh, alte Hexe, geh. Du spielst gut aus der Tasche,
Ich bin zufrieden mit dem Kunststück. Geh.
(Der Vorhang fällt.)

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     

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